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From Insight to Action: Praxisrelevante Implikationen aus interdisziplinären bidt-Forschungsprojekten für die Gestaltung des digitalen Wandels in Unternehmen

PD Dr. Angela Graf bidt
Prof. Dr. Thomas Hess Ludwig-Maximilians-Universität München

Die digitale Transformation stellt für Unternehmen eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit dar. Dabei geht es nicht alleine um die Einführung neuer digitaler Technologien, sondern um komplexe, vielschichtige und weitreichende organisationale Veränderungsprozesse.

Die Publikation bündelt praxisorientierte Erkenntnisse zum digitalen Wandel von Organisationen aus vier interdisziplinären Forschungsprojekten am Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt). Die Beiträge beleuchten unterschiedliche Herausforderungen des digitalen Wandels und tragen damit zu einem tieferen Verständnis der organisationalen Dynamiken und komplexen Wechselwirkungen digitaler Transformationsprozesse bei. Die Publikation richtet sich gezielt an Praktikerinnen und Praktiker und bietet konkrete, praxisnahe Handlungsorientierungen für eine evidenzbasierte und verantwortungsvolle Gestaltung der digitalen Transformation in Organisationen.

Erkenntnisse aus der aktuellen bidt-Forschung

Die Publikation vereint Beiträge aus vier interdisziplinären Forschungsprojekten des bidt, die aktuelle empirische Forschungsergebnisse in konkrete, praxisrelevante Erkenntnisse übersetzen. Die Forschungsprojekte untersuchen digitalen Wandel aus zwei unterschiedlichen, sich ergänzenden Perspektiven: Einerseits liegt der Fokus auf dem prozesshaften und weitreichenden Charakter digitalen Wandels in Organisationen sowie den damit verbundenen Implikationen, andererseits stehen konkrete Gestaltungs- und Führungsfragen in digitalen Arbeitskontexten im Mittelpunkt.

Die Rolle der organisationalen Identität in der digitalen Transformation

Der erste Beitrag beleuchtet den Zusammenhang zwischen digitaler Transformation und organisationaler Identität. Er hebt die zentrale Bedeutung der Geschichte und des Selbstverständnisses einer Organisation für digitale Veränderungsprozesse hervor und zeigt auf, wie kollektive Identitätsarbeit zu einer erfolgreicheren und nachhaltigeren Gestaltung der digitalen Transformation beitragen kann.

Digital transformieren: Digitale Technologien zur Unterstützung des Change Managements

Der zweite Beitrag beleuchtet, wie digitale Innovationen für organisationalen Wandel (digital innovations for organisational change, DIOCs) bestehende Praktiken verändern, etablierte Change-Management-Ansätze herausfordern. Zugleich zeigt er auf, wie stark ihr Erfolg davon abhängt, wie Beschäftigte diese Innovationen deuten und im Alltag nutzen. Der Beitrag bietet Orientierung, wie DIOCs so gestaltet werden können, dass sie sowohl organisationalen Zielen und Führungswerten entsprechen als auch die Perspektiven der Beschäftigten berücksichtigen, um effektivere und inklusivere Veränderungsprozesse zu fördern.

Die Schattenseiten der digitalen Führung

Mit Blick auf Remote- und Hybrid-Arbeitsumgebungen liefert das Projekt praxisnahe Erkenntnisse dazu, wie sich destruktives Führungsverhalten, insbesondere ausbeuterisches Führungspraktiken, reduzieren lassen. Es unterstreicht die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit der Unternehmenskultur und organisationalen Leitlinien, um die digitalen Kompetenzen der Führungskräfte zu stärken und dadurch eine tragfähige Feedbackkultur auch über räumliche Distanz hinweg zu fördern.

Digitale Kollaborationsplattformen als Ermöglicher des Wissensaustausch in Organisationen

Der dritte Beitrag untersucht den Einsatz unternehmensinterner Kollaborationsplattformen und zeigt auf, wie digitale Tools implementiert und genutzt werden können, um Wissensaustausch durch Partizipation, Diversität und Barrierefreiheit zu unterstützen. Er bietet konkrete Handlungsempfehlungen für Feedbackmechanismen, nutzerorientiertes Design und die strategische Steuerung digitaler Infrastrukturen.

Facetten digitalen Wandels in Organisationen:
Eine Multi-Stakeholder-Perspektive

Während jeder Beitrag eine spezifische Facette digitalen Wandels beleuchtet, eröffnet die Publikation insgesamt breite Einblicke in die komplexen Dynamiken digitaler Transformationsprozesse. Digitaler Wandel wirkt gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen – strategisch, operativ, individuell und technisch – und verläuft selten linear, sondern häufig ungleichzeitig und widersprüchlich. Wer Veränderung erfolgreich gestalten will, braucht daher mehr als neue Technologien oder Strategien. Entscheidend ist ein differenziertes Verständnis dafür, wie digitaler Wandel sich in unterschiedlichen Bereichen einer Organisation entfaltet.

Vor diesem Hintergrund folgen alle Beiträge einem gemeinsamen Analyseansatz. Sie nehmen das jeweilige Phänomen aus verschiedenen, aber miteinander verknüpften Stakeholder-Perspektiven in den Blick und leiten daraus gezielte Praxisimpulse ab:

Die organisationale Perspektive

Wie sich digitaler Wandel gestaltet, hängt wesentlich davon ab, wie digitale Impulse in bestehende Strukturen, Kulturen und Arbeitsweisen eingeordnet und weiterentwickelt werden. Die organisationale Perspektive richtet den Fokus daher auf übergeordnete strukturelle, kulturelle und institutionelle Rahmenbedingungen. Zentrale Fragen betreffen die Rolle bestehender Systeme, Machtverhältnisse und organisationaler Identitäten sowie deren Wechselwirkungen mit digitalen Initiativen. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Governance, Beteiligung und Inklusion ebenso wie die Passung zwischen einer angestrebten digitalen Zukunft und dem gewachsenen Selbstverständnis der Organisation. Die daraus abgeleiteten praxisorientierten Impulse richten sich insbesondere an Vorstände und die Geschäftsführung, Verantwortliche für Strategie und Organisationsentwicklung sowie an die Interessenvertretungen der Beschäftigten. Sie zeigen auf, wie Organisationen ihre strategische Ausrichtung aktiv reflektieren, Transformationsprozesse in bestehenden Werten verankern und Voraussetzungen für nachhaltigen Wandel schaffen können, der über oberflächliche Veränderungen hinausgeht.

Die Managementperspektive

Die Managementperspektive richtet den Blick auf zentrale Rolle von Führungskräften im digitalen Wandel – insbesondere von mittleren Führungsebenen, Teamleitungen und Change Agents. Sie gestalten digitalen Wandel, indem sie Veränderungsprozesse in Teams und Bereichen moderieren, einordnen und legitimieren. Dabei geht es weniger um die bloße Durchsetzung neuer Vorgaben als vielmehr darum, Spannungen auszubalancieren, Dialog zu ermöglichen und Orientierung in Phasen der Unsicherheit zu schaffen. Führungskräfte sind gefordert, neue Anforderungen zu interpretieren, in nachvollziehbare Handlungsleitlinien zu übersetzen und als glaubwürdige Vermittlerinnen und Vermittler von Veränderung zu agieren. Im Fokus der Managementperspektive stehen veränderte Rollen und Erwartungen an Führung in digitalen Arbeitskontexten. Die praxisorientierten Impulse zeigen, welche Kompetenzen dafür notwendig sind – etwa digitale Kompetenz, Reflexionsfähigkeit und emotionale Intelligenz – und wie Führungskräfte Beteiligung fördern, Kommunikation gestalten und Wandel glaubwürdig unterstützen können.

Die Mitarbeitendenperspektive

Aus Sicht der Mitarbeitenden ist digitaler Wandel keine abstrakte Strategie, sondern gelebter Arbeitsalltag. Für Beschäftigte auf allen Ebenen – einschließlich informeller Führungspersonen und Interessenvertretungen – geht digitaler Wandel häufig mit Unsicherheit, wachsender Komplexität oder Veränderungen der eigenen Rolle einher. Gleichzeitig wird Wandel erst dann wirksam, wenn er von Einzelnen erlebt, mitgestaltet und im Arbeitsalltag umgesetzt wird. Die Mitarbeitendenperspektive richtet den Blick auf die Mikroebene digitalen Wandels und fragt danach, wie Beschäftigte digitale Veränderungsprozesse wahrnehmen und darauf reagieren – als Chance, als Belastung oder als beides zugleich. Sie macht die emotionalen, praktischen und sozialen Dimensionen von Wandel sichtbar und betont die Bedeutung transparenter Kommunikation, niedrigschwelliger Unterstützungsangebote und partizipativer Formate, die Eigenverantwortung fördern statt bloße Anpassung einzufordern.

Die Technologieperspektive

Die Technologieperspektive richtet sich an alle, die digitale Werkzeuge in Organisationen gestalten, einführen und verantworten – von IT- und Digitalisierungsverantwortlichen über Entwicklerinnen und Entwickler bis hin zu UX-Designerinnen und -Designern. Sie macht deutlich, dass Technologie nicht neutral ist, sondern durch konkrete Designentscheidungen prägt, wie Arbeit organisiert und Zusammenarbeit gelebt wird. Was häufig als bloßer Ermöglicher betrachtet wird, entfaltet eigene Dynamiken. Denn Tools, Plattformen und Interfaces strukturieren organisationales Handeln und ihre Gestaltung und Implementierung kann damit den Erfolg digitalen Wandels sowohl fördern als auch ausbremsen. Die Perspektive lädt dazu ein, Gestaltungsoptionen, Nutzererfahrungen und Datenpraktiken kritisch zu reflektieren und Technologieentwicklung nicht als isolierte Aufgabe, sondern als integralen Bestandteil organisationalen und kulturellen Wandels zu begreifen.

Anstelle einer allgemeingültigen Blaupause bietet die Betrachtung unterschiedlichen Stakeholder-Perspektiven wertvolle Einsichten in die komplexen Dynamiken und Wechselwirkungen digitaler Transformationsprozesse. Aufbauend auf den Forschungsergebnissen liefert die Publikation zentrale Impulse zur Reflexion für die Gestaltung digitalen Wandels in Unternehmen und bietet Orientierungswissen für Praktikerinnen und Praktiker, die diese Veränderungen verstehen, gestalten und nachhaltig verankern wollen.