PERSPEKTIVEN bewusst sein, versuchen, unsere Emotionen als Gründe für unser Handeln zu rationalisieren und respektvolle Gespräche zu führen. Das aufgeklärte Individuum, das in einer sozialen Welt lebt, benötigt eine Form der Ordnung und hierfür eignet sich besonders die demokratische Lebensweise. Demokratie als deliberative und partizipative Lebensform Demokratie kann als kollektive Selbstbestimmung glei- cher und freier Menschen verstanden werden. Es gibt keine natürliche – oder gar gottgegebene – Herrschafts- ordnung, keine Herrschaft der Feudalherren über die Untertanen, der Männer über die Frauen, der hoch ent- wickelten Kulturen über sogenannte primitive Kulturen, es gibt keine Kasten und Stände, die den menschlichen Individuen ihre Rolle in der Gesellschaft und im Staat legi- tim zuweisen. Verhältnisse dieser Art haben die Mensch- heitsgeschichte geprägt und prägen sie teilweise auch heute noch. Sie sind illegitim (Nida-Rümelin 2020). Als Bürgerinnen und Bürger einer Demokratie sind Menschen jedoch faktisch nicht gleich: Sie unterscheiden sich durch ihre soziale und kulturelle Herkunft, durch Geschlecht, durch Fähigkeiten, Interessen und Talente, durch Körpergröße und Aussehen. Sie sind sich aber gleichzeitig hinreichend ähnlich, um keine Herrschafts- ordnung als gegeben zu akzeptieren. Anders ausge- drückt: Vernünftigerweise begründet nur die Zustim- mung der Freien und Gleichen eine legitime politische Ordnung. Dabei hat die Demokratie zwei Quellen: die Unentbehrlichkeit einer Rechtsordnung, die individuelle Rechte sichert und kollektive Entscheidungen ermög- licht, sowie einen gemeinsamen Wunsch nach kollektiver Selbstbestimmung. Damit kollektive Selbstbestimmung möglich ist, müssen sich Individuen ihrer eigenen Auto- nomie bewusst werden. Sie müssen sich als Ursprung ihrer Einstellungen und Handlungen begreifen und sich als frei erleben, weil ihnen auch die anderen als freie In- dividuen begegnen. Autonome Bürgerinnen und Bürger Ein vertieftes Verständnis von Demokratie, geprägt vom Republikanismus und der Aufklärung, erfordert somit von den Bürgerinnen und Bürgern mehr als nur die Teilnahme an Wahlen. Der Schwerpunkt liegt auf aktiver Beteili- gung und Deliberation. Die Bürgerinnen und Bürger wer- den dazu aufgefordert, mitzuwirken, mitzudenken und sich am Gemeinwohl zu orientieren. Dieses Konzept der deliberativen und partizipativen Demokratie setzt eine autonome Bürgerin/einen autonomen Bürger voraus (Coeckelbergh 2023). Aber gerade dieses tiefe Verständnis von Demo- kratie könnte durch den verstärkten oder unkontrollierten Einsatz von generativer künstlicher Intelligenz (KI) gefähr- det werden. Um zu verstehen, wie das aufgeklärte Indivi- duum und seine demokratische Lebensform durch gene- rative KI gefährdet werden könnten, müssen wir darüber nachdenken, welche menschlichen Fähigkeiten durch generative KI beeinflusst oder ersetzt werden könnten. Zwischen Fortschritt und Verantwortung: Demokratische Integrität im Zeitalter der generativen künstlichen Intelligenz Generative künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet eine Klasse von Technologien, die darauf ausgelegt sind, In- halte zu erzeugen, die denen von Menschen ähnlich sind. Dazu gehören Texte, Bilder, Musik und mittlerweile sogar Videos. Diese Systeme nutzen komplexe Algorith- men, um Muster in großen Datenmengen zu erkennen und auf der Grundlage dieser Erkenntnisse neue Inhalte zu erzeugen. Ein Schlüsselelement der generativen KI ist das maschinelle Lernen, insbesondere das Deep Learning, das Netze aus künstlichen Neuronen verwendet. Diese Netze werden mit riesigen Datenmengen trainiert, um bestimmte Aufgaben zu erlernen. Das derzeit wohl be- kannteste System ist sicherlich ChatGPT von OpenAI. Dieses GPT (Generative Pre-trained Transformer) ist ein Textgenerierungsmodell, das in der Lage ist, kohärente und kontextuell passende Texte zu verfassen, die oft kaum von menschlich verfassten Texten zu unterschei- den sind. Die Ergebnisse sind jedoch nur ein statistisches Abbild der vorhandenen Daten und können mitunter den Anschein erwecken, sie seien das Resultat durchdachter Überlegungen zu bestimmten Fakten, Argumenten, Mei- nungen, Gefühlen oder Zuständen. 4343