Das Working Paper analysiert die spezifischen Bedingungen und Herausforderungen der digitalen Transformation in öffentlich-rechtlichen Organisationen. Anders als privatwirtschaftliche Unternehmen weisen öffentlich-rechtliche Organisationen – z.B. Behörden, Kommunen oder Forschungseinrichtungen – andere Logiken auf und sind durch besondere rechtliche, organisatorische und kulturelle Rahmenbedingungen geprägt, die in digitalen Transformationsprozessen Berücksichtigung finden müssen.
Auf Grundlage einer systematischen Literaturanalyse arbeitet die Studie den nationalen Forschungsstand zur digitalen Transformation öffentlich-rechtlicher Organisationen auf. Im Fokus stehen Modelle, strukturelle Anpassungen, informale Aspekte sowie Erfolgs- und Hemmfaktoren. Zudem werden neue Rollen wie Digitalverantwortliche, die Bedeutung von Strategien und Auswirkungen auf Steuerungs- und Entscheidungsprozesse analysiert. Vor diesem Hintergrund werden empirische Forschungslücken und zentrale Handlungsfelder identifiziert.
Das Wichtigste in Kürze
Spezifische Rahmenbedingungen statt Übertragung aus der Privatwirtschaft
Die Studie zeigt, dass die digitale Transformation öffentlich-rechtlicher Organisationen durch spezifische strukturelle Rahmenbedingungen geprägt ist. Dazu zählen insbesondere Gemeinwohlorientierung, rechtliche Vorgaben, politische Steuerung, bürokratische Organisationsstrukturen und ausgeprägte Pfadabhängigkeiten. Diese Faktoren können Veränderungsprozesse verlangsamen oder begrenzen. Zugleich entstehen Spannungsfelder – etwa zwischen Innovationsanforderungen und Rechtssicherheit oder zwischen Digitalisierung und Datenschutz. Vor diesem Hintergrund können zentrale Konzepte der digitalen Transformation privatwirtschaftlicher Unternehmen, wie Agilität oder „Digital Mindset“, nicht ohne Weiteres auf öffentlich-rechtliche Organisationen übertragen werden. Zugleich zeigt sich, dass solche Übertragungen bislang häufig erfolgen, ohne diese Besonderheiten ausreichend zu berücksichtigen und systematisch zu überprüfen.
Digitale Transformation als organisationaler Wandel
Die Studie versteht digitale Transformation nicht allein als Einführung neuer Technologien oder digitaler Services, sondern als organisationalen Wandel, der auch die Veränderung von Entscheidungswegen, Steuerungsstrukturen, Arbeitsprozessen und Zuständigkeiten umfasst. Damit rücken Fragen in den Fokus, die über klassische Verwaltungsdigitalisierung hinausgehen: Wie verändern sich Organisationen intern? Welche neuen Rollen entstehen? Und wie wirken digitale Technologien auf Hierarchie, Koordination und Zusammenarbeit?
Strategien, Rollen und Steuerung
Die Studie zeigt, dass die digitale Transformation in öffentlich-rechtlichen Organisationen strukturell auf unterschiedlichen Ebenen verankert wird: durch Digitalstrategien, spezifische Organisationseinheiten (z.B. Digital Units) sowie durch neue Rollen und Funktionen, wie Chief Digital Officers, Digitalisierungsbeauftragte oder Digital-Scouts. Diese Ansätze bleiben jedoch häufig uneinheitlich definiert, nicht klar aufeinander abgestimmt oder nur begrenzt mit Entscheidungskompetenzen ausgestattet. Zugleich zeigt sich, dass es zwar zahlreiche Strategien und Leitbilder gibt, deren Wirksamkeit, Operationalisierung und Umsetzung bislang aber kaum empirisch untersucht sind.
Messung, Best Practices und Leuchtturmprojekte
Viele bestehende Indikatoren und Vergleichsstudien erfassen vor allem nach außen gerichtete digitale Angebote, etwa Online-Services für Bürgerinnen und Bürger. Der interne Digitalisierungsgrad öffentlich-rechtlicher Organisationen, die Wirkung einzelner Maßnahmen und die Veränderung von Arbeitsprozessen und ‑praktiken werden dagegen kaum erfasst. Obwohl Leuchtturmprojekte und Best Practices in der Praxis eine große Rolle spielen, werden diese selten systematisch dokumentiert, wissenschaftlich begleitet oder auf ihre Übertragbarkeit hin untersucht. Damit fehlt eine belastbare Grundlage, um Erfahrungen zu bündeln und organisationsübergreifend nutzbar zu machen.
Organisationskultur und informale Faktoren
Ein weiterer zentraler Analysebereich betrifft informale Faktoren wie Organisationskultur, Identität, Veränderungsbereitschaft und das sogenannte „Digital Mindset“. Gerade in öffentlich-rechtlichen Organisationen treffen neue Arbeitsweisen häufig auf gewachsene Routinen, rechtliche Absicherungslogiken, Hierarchien und Risikoaversion. Obwohl diese Faktoren als relevant für die digitale Transformation gelten, wurden sie bislang nur begrenzt empirisch untersucht. Damit bleibt vielfach unklar, welche konkreten Wirkungen kulturelle und informale Aspekte tatsächlich entfalten.
Forschungslücken und weiterer Forschungsbedarf
Das Working Paper identifiziert deutliche Forschungslücken: Es fehlt an theoretischen und konzeptionellen Modellen, die digitale Transformation als umfassenden Wandel öffentlich-rechtlicher Organisationen erklären. Ebenso fehlen vergleichbare Daten zum internen Digitalisierungsgrad, empirische Evaluationen von Digitalstrategien und Maßnahmen sowie systematische Analysen dazu, wie sich digitale Transformation langfristig auf Steuerung, Arbeit, Entscheidungsprozesse und Organisationskultur auswirkt. Zudem ist die bestehende Forschung stark fragmentiert und integriert unterschiedliche Perspektiven bislang nur unzureichend.
Insgesamt zeigt die Studie: Die digitale Transformation öffentlich-rechtlicher Organisationen ist kein rein technisches Modernisierungsprojekt. Sie betrifft die grundlegende Funktionslogik öffentlich-rechtlicher Organisationen selbst – und erfordert daher interdisziplinäre, organisationsbezogene Ansätze, die die rechtlichen, strukturellen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen angemessen berücksichtigen.




