Glossar
ALLGEMEIN

Digitale Innovation

INHALT

Definition und Abgrenzung

Digitale Innovationen sind Innovationen, die sich aus der innovativen Nutzung digitaler Technologien ergeben [1, 2]. Ein zentrales Merkmal von digitalen Innovationen ist, dass sie durch die Kombination einer innovativen fachlichen Lösung und einer innovativen technischen Lösung gebildet werden [4]. Ein Beispiel dafür ist etwa die Kombination eines Online-News-Service (innovative fachliche Lösung) mit einem Machine-Learning-basierten Empfehlungssystem (innovative technische Lösung).

Ausgehend von diesen zwei Perspektiven lassen sich auch zwei Auslöser für die Entstehung digitaler Innovation unterscheiden. Zum einen können neue fachliche, geschäftliche oder gesellschaftliche Anforderungen der Auslöser von digitaler Innovation sein („Technology-Pull”). Zum anderen können auch neuartige digitale Technologien die Entwicklung von digitalen Innovationen auslösen („Technology-Push”) [4]. Die mit der digitalen Transformation in Verbindung stehenden Entwicklungen lassen sich primär der zweiten Ausprägung zuordnen.

Die Auswirkungen lassen sich drei Ebenen zuordnen. Auf individueller Ebene verändern digitale Innovationen den Alltag von Arbeitnehmern und Endkonsumenten auf vielfältige Art und Weise.

Auf organisatorischer Ebene führen digitale Innovationen zum einen zu einer Veränderung der internen Abläufe und Prozesse. So kann durch den gezielten Einsatz von digitalen Technologien häufig die Effizienz und Effektivität von Prozessen gesteigert werden. Zum anderen verändert sich das „Angebot“ der Organisationen an ihre Zielgruppen [3]. Bei Unternehmen ist das etwa eine Veränderung der Wertschöpfung durch digitale Innovation im Bereich der Produkte, bei Schulen und Universitäten die Digitalisierung von Unterricht und Forschung, in Behörden eine Verlagerung der Bürgerinteraktion auf digitale Plattformen, in sozialen und medizinischen Einrichtungen eine Unterstützung der Betreuung und Versorgung durch technologische Hilfsmittel. Damit diese interne und externe Veränderung in Organisationen gelingen kann, bedarf es einer Steuerung der digitalen Innovation, die bei den Rollen und Prozessen in der Organisation ansetzt, sowie einer Schaffung von Voraussetzungen für digitale Innovation, im Bereich der Organisationskultur, der IT-Landschaft und der Fähigkeiten [4].

Auch auf gesellschaftlicher Ebene ergeben sich durch digitale Innovationen eine Reihe von Implikationen. Mit Gesetzen und Verordnungen müssen Rahmenbedingungen abgesteckt werden (z. B. Monopolgesetzgebung), mit staatlichen Förderungen können wichtige Voraussetzungen geschaffen werden (z. B. Subventionen für den Mobilfunkausbau). Doch auch öffentliche Stellen selbst verändern sich durch digitale Innovationen, etwa im Bereich der Verwaltung (z. B. Onlinesteuererklärung) oder in den öffentlichen Betrieben (z. B. das Angebot öffentlich-rechtlicher Rundfunkanbieter). Ausdruck findet der Einfluss von digitaler Innovation auf politischer Ebene insbesondere auch in den unterschiedlichen Ansätzen zur Steuerung der Digitalisierung durch die einzelnen Bundesländer [5].

Geschichte

Das Konzept der integrierten Betrachtung fachlicher und technischer Lösungen in Form von digitalen Innovationen ist relativ neu. Es wurde in den letzten Jahren zunächst für Unternehmen und damit eine spezielle Form einer Organisation entwickelt [1, 2]. Mittlerweile wird es häufig als inhaltlicher Kern der digitalen Transformation von Unternehmen gesehen. Daneben gibt es erste Überlegungen, den Anwendungsbereich des Konzepts auszuweiten, und zwar sowohl auf andere Formen von Organisationen als auch auf die gesellschaftliche Ebene.

Parallel dazu entwickelt sich auch die Ausgestaltung digitaler Innovationen weiter. Über viele Jahrzehnte lag der Schwerpunkt der Anwendung digitaler Technologien in den Unternehmen. Den Anfang machte dort die Digitalisierung der Administration. Heute werden sowohl organisatorische Strukturen als auch die Geschäftsmodelle ganzer Unternehmen im Kontext der Entwicklung digitaler Technologien infrage gestellt. Darüber hinaus gewinnen digitale Innovationen auch z. B. in staatlichen Organisationen und auf gesellschaftlicher Ebene stark an Bedeutung. Das Konzept hat daher die Chance, als Klammer zur integrierten Betrachtung technischer und fachlicher Innovationen in unterschiedlichen Gestaltungsbereichen zu fungieren.

Anwendung und Beispiele

Es gibt eine Vielzahl an digitalen Innovationen in unterschiedlicher Form. Wichtig ist dabei, digitale Technologien nicht mit digitalen Innovationen zu verwechseln. Ersteres ist Bestandteil von Zweiterem, nicht mehr.

Individuelle Ebene:

  • Neue Formen persönlicher Kommunikation (z. B. über WhatsApp)
  • Integration von Smartphones im Automobil (z. B. Apple CarPlay)

Organisatorische Ebene:

  • Streamingdienst für Medieninhalte (z. B. Netflix)
  • Digitale Verwaltungsdienstleistungen (z. B. Onlineummeldung eines KFZ)

Gesellschaftliche Ebene:

  • Neue Formen der Partizipation von Bürgern
  • Regelungen für den Schutz vor Hatespeech

Kritik und Probleme​​

Die wissenschaftliche Literatur hat sich bisher primär mit den unmittelbaren Chancen beschäftigt, die digitale Innovationen bieten, und damit, wie Unternehmen Voraussetzungen für die Entstehung digitaler Innovationen schaffen können. Von der Automatisierung einfacher Routineaufgaben bis hin zu Delegation komplexer Aufgaben an IT-Systeme haben digitale Innovationen ein enormes Potenzial zur Veränderung der Arbeitswelt und des gesellschaftlichen Lebens. Weniger Aufmerksamkeit wird allerdings den Fragen zuteil, wer von digitaler Innovation profitiert und welche langfristigen Auswirkungen digitale Innovation hat. Die Forschung sollte sich auch damit beschäftigen, was diese Delegation mit den Menschen im privaten und beruflichen Kontext macht und welche ethischen Fragen sich daraus ergeben [6].

Als weiterer Kritikpunkt lässt sich anführen, dass der Mehrwert durch die eingangs beschriebene Zusammenführung von technologischer und fachlicher Perspektive bisher vor allem konzeptionell und theoretisch abgeleitet wurde, jedoch noch wenig empirisch belegt ist. Es ließe sich argumentieren, dass diese integrierte Perspektive lediglich die Komplexität des Innovationsmanagements erhöht, ohne effektiv zur Lösung von Problemen beizutragen. Diese empirische Lücke sollte von zukünftiger Forschung geschlossen werden, um die Validität der beschriebenen Konzepte zu überprüfen.

Forschung

Das Verstehen und Entwickeln digitaler Innovationen ist eine zentrale Aufgabe des bidt. So befassen sich aktuell mehrere Projekte mit verschiedenen Fragestellungen der digitalen Innovation. Beispielsweise widmet sich das Projekt „Digitale Transformation von Automobilherstellern – eine Frage der Identität“ den Auswirkungen digitaler Innovationen auf die Automobilindustrie.

Im Projekt „Bewusstsein, Motivation und Implementierung von Datenportabilität – Stärkung radikaler und disruptiver Innovationen durch verbesserte Datenportabilität“ werden Rahmenbedingungen für den Wettbewerb zwischen Onlinediensten und datengetriebenen, digitalen Innovationen exploriert.

Aufgegriffen werden auch Fragen des Managements digitaler Innovationen, so wurden z. B. im Projekt „Digitale Transformationsstrategien der bundesdeutschen Länder“ Erkenntnisse über das Management von digitalen Innovationen auf Länderebene erarbeitet [5].

Eine ganze Reihe anderer Projekte befasst sich ebenfalls mit digitalen Innovationen: Sei es im Bereich Digital Health zu den Themen

In diversen Nachwuchsforschungsgruppen und Doktorandenprojekten geht es um digitale Innovationen im Bereich der Bioinformatik und der Medizin, z. B. zu den Themen

  • Computational Population Modeling from Big Medical Image Data,
  • Digital Phenotyping und Predictive Modeling für intelligente onlinebasierte Interventionssysteme zur Behandlung und Prävention psychischer Erkrankungen.

Weiterführende Literatur​​​​

  • Fichman, Robert G./ Dos Santos, Brian L./ Zheng, Zhiqiang: Digital Innovation as a Fundamental and Powerful Concept in the Information Systems Curriculum. MIS Quarterly (38:2), S. 329–354. 2014.
  • Nambisan, Satish/ Lyytinen, Kalle/ Majchrzak, Ann/ Song, Michael: Digital Innovation Management: Reinventing Innovation Management Research in a Digital World. MIS Quarterly (41:1), S. 223–238. 2017.
  • Wiesböck, Florian/ Hess, Thomas: Digital Innovations – Embedding in Organizations. Electronic Markets (30:1), S. 75–86. 2020.

Quellen

[1] Fichman, Robert G./ Dos Santos, Brian L./ Zheng, Zhiqiang: Digital Innovation as a Fundamental and Powerful Concept in the Information Systems Curriculum. MIS Quarterly (38:2), S. 329–354. 2014.

[2] Yoo, Youngjin/ Boland Jr, Richard J./ Lyytinen, Kalle/ and Majchrzak, Ann: Organizing for Innovation in the Digitized World. Organization Science (23:5), S. 1398–1408. 2012

[3] Nambisan, Satish/ Lyytinen, Kalle/ Majchrzak, Ann/ Song, Michael: Digital Innovation Management: Reinventing Innovation Management Research in a Digital World. MIS Quarterly (41:1), S. 223–238. 2017.

[4] Wiesböck, Florian/ Hess, Thomas: Digital Innovations – Embedding in Organizations. Electronic Markets (30:1), S. 75–86. 2020.

[5] Brunner, Katharina/ Jager, Andreas/ Hess, Thomas/ Münch, Ursula: Digitalisierungsstrategien bundesdeutscher Länder – Eine Bestandsaufnahme ihrer Entwicklung und Implementierung. 2020.

[6] Kohli, Rajiv/ Melville, Nigel P.: Digital Innovation: A Review and Synthesis. Information Systems Journal (29:1), S. 200–223. 2019.

AUTOREN
Prof. Dr. Thomas Hess, Philipp Barthel

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2021-08-03T18:15:22+02:00
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