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Verständlich erklären, Fake News entlarven

Die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind weitreichend. bidt-Direktorin Hannah Schmid-Petri erläutert, welche Lehren die Wissenschaftskommunikation bereits ziehen kann.

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In der aktuellen Coronakrise, die – da wir nach wie vor nicht viel über das Virus wissen – von großen Unsicherheiten geprägt ist, erfüllt der Qualitätsjournalismus wichtige Funktionen für die Gesellschaft: Er stellt sauber recherchierte und umfassende Informationen zur Verfügung, verhilft uns zu einem Überblick über die aktuelle Situation und bietet somit eine wichtige Orientierung für unseren Alltag und unser eigenes Verhalten in der ungewohnten Situation.

Gerade in solchen Zeiten zeigt sich, wie wichtig ein unabhängiger und freier Qualitätsjournalismus für unsere Gesellschaft ist. Wenn man die Berichterstattung der letzten Wochen beobachtet (gleichgültig ob online oder offline), lassen sich meines Erachtens übergreifend bisher vor allem drei Lehren für die Wissenschaftskommunikation ableiten:

Der Wissenschaftsjournalismus und die Ausbildung von Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten sollte (wieder) gestärkt werden

Ein großer Teil der medialen Berichterstattung konzentriert sich auf die Darstellung der positiv getesteten Fälle, auf einen Vergleich dieser zwischen einzelnen Regionen und davon ausgehend auf eine Diskussion der politischen Maßnahmen.

Dabei bleibt in der Darstellung meist unklar, wer genau getestet wird und wer nicht, und es wird in der Regel nicht thematisiert, dass mit dem Ausweisen der Fallzahlen positiv Getesteter erhebliche statistische Probleme verbunden sind (für eine ausführlichere Diskussion der statistischen Probleme siehe hier einen Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit ).

Aufgabe einer „guten“ Wissenschaftskommunikation wäre es meines Erachtens, sich weniger auf das immer neue Ausweisen der aktuellen Fallzahlen zu konzentrieren und stattdessen stärker auf die genannten statistischen Probleme hinzuweisen und diese so zu erklären, dass sie auch für die Allgemeinheit verständlich sind.

Dass dies nur in einigen wenigen Ausnahmefällen geschieht, deutet zum einen darauf hin, dass die Journalistinnen und Kommunikatoren selbst häufig nicht über die notwendigen Kompetenzen verfügen, die Problematik nachzuvollziehen. Zum anderen wird daran auch sichtbar, dass gerade der Wissenschaftsjournalismus unter den notwendigen Sparmaßnahmen der Verlagshäuser besonders gelitten hat.

Abstrakte Risiken und zunächst unsichtbare Gefahren müssen anschaulich erklärt und sichtbar gemacht werden

Ein weiteres Problem in der Fokussierung auf die positiv getesteten Fälle liegt darin, dass diese Art der Darstellung das Virus als vergleichsweise abstrakt erscheinen lässt.

Um jedoch einer breiten Bevölkerung das potenzielle Risiko und auch die Notwendigkeit der Einschränkungen unseres Alltags zu verdeutlichen, ist es zum einen wichtig, einen konkreten Bezug zum Alltag und zur Lebenswelt eines jeden Einzelnen herzustellen und zu verdeutlichen, dass das Virus uns potenziell alle betreffen kann (siehe beispielsweise das Interview mit dem Arzt Clemens Wendtner in der Zeit)

Zum anderen muss sowohl der Weg der Ansteckung als auch die Wirkung der getroffenen Maßnahmen möglichst anschaulich sichtbar gemacht und verdeutlicht werden, um einen Verhaltensimpuls setzen zu können. Positiv hervorzuheben ist hier beispielsweise ein Artikel in der Washington Post, der die Wirksamkeit des physical distancing sichtbar macht.

Qualitativ hochwertige Wissenschaftskommunikation als Gegenpol zu Fake News

Ein qualitativ hochwertiger Wissenschaftsjournalismus, der es schafft, Hintergründe und potenzielle Folgen möglichst anschaulich und gut verständlich zu erklären, ist auch als Gegenpol zu Fake News, die vor allem online verbreitet werden, unabdingbar.

Wichtig für das Entlarven von Fake News ist der Austausch mit anderen, die nicht aus dem direkten sozialen Umfeld stammen, beispielsweise in der Schule oder am Arbeitsplatz. Aufgrund der aktuellen Maßnahmen ist dieser Austausch momentan jedoch nur sehr eingeschränkt möglich, was – verbunden mit einer Situation der allgemeinen Unsicherheit – potenziell die Verbreitung und Wirkung von Fake News erhöhen kann.

Etablierte Medienmarken oder auch einzelne Expertinnen und Experten können mit ihrer Informationsvermittlung und ihrer Präsenz in sozialen Medien dazu beitragen, dass Fake News auch als solche erkannt und „enttarnt“ werden können.