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DEUTSCHLAND UND EUROPA IM DIGITALEN WETTBEWERB

CONTACT-TRACING-APPS IN DER CORONA-PANDEMIE

Katharina Brunner
Ulrike Mendel
Christian Stumpf
Dr. Roland A. Stürz

Dem Virus auf der Spur: Wofür Corona-Apps weltweit eingesetzt werden, welche technischen Schwierigkeiten mit ihrer Umsetzung verbunden sind und wie die Anwendungen derzeit weiterentwickelt werden. Ein Vergleich von Corona-Apps verschiedener Länder.

23. September 2020

Mit Ausbruch der Corona-Pandemie kam schnell der Ruf nach technologischen Hilfsmitteln auf, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Inzwischen setzen viele Länder weltweit dafür Technologien ein. Innerhalb weniger Monate ist eine heterogene Landschaft an Smartphone-Apps entstanden.

Grob lassen sich drei Gruppen von Corona-Apps identifizieren

Selbstdiagnose-Apps

Mit diesen Smartphone-Anwendungen können Personen ihre Symptome einschätzen lassen. Sie erhalten daraufhin Handlungshinweise, etwa ob sie sich testen lassen oder gar in Quarantäne begeben sollten. In Betrieb sind solche Apps beispielsweise in Spanien.

Apps zur Überwachung von Quarantäneauflagen

Die Tatsache, dass sehr viele Menschen mit ihren Smartphones quasi ständig kleine Computer bei sich tragen, kann auch zur Überwachung genutzt werden: Anhand der Standortdaten lässt sich ablesen, ob Menschen Quarantäneauflagen einhalten.

In einigen Ländern – in Europa etwa Polen – ist die Nutzung einer solchen App, die über GPS-Daten den jeweiligen Standort überprüft, verpflichtend. Eine Kontrolle erfolgt beispielsweise durch Aufforderungen an die Nutzerinnen und Nutzer, mit eingeschalteter Ortung Selfies zu schicken oder durch unangekündigte Videoanrufe. In Moskau werden zudem öffentliche Überwachungskameras in Verbindung mit Gesichtserkennungssoftware genutzt, um Verstöße gegen Auflagen zu ahnden.

In der Türkei müssen über 64-Jährige eine App nutzen, die ihren Aufenthaltsort ständig protokolliert und sie dazu auffordert, sich in ihre Wohnung zu begeben, falls sie sich zu weit davon entfernen. In Hongkong müssen Einreisende während ihrer Quarantäne ein Armband tragen, um nachvollziehen zu können, ob sich ihr Standort ändert.

Contact-Tracing-Apps

Die dritte Gruppe sind Apps, die dabei helfen sollen, Infektionsketten nachzuvollziehen. Der für diese Anwendungen gebräuchliche Begriff Contact Tracing beschreibt das Rückverfolgen von Infektionen mit dem Ziel, weitere Ansteckungen zu unterbinden. Dieser Aufgabe gingen Gesundheitsämter bisher nur analog nach. In der Corona-Pandemie bekommen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nun mit diesen Apps digitale Helfer zur Seite gestellt.

Die Funktionsweisen von Contact-Tracing-Apps

Contact-Tracing-Apps können auf zwei technischen Ansätzen basieren: der Standortermittlung eines einzelnen Handys mittels GPS oder der Messung des Abstandes zu anderen Geräten mittels Bluetooth Low Energy (BLE).

Beide Varianten haben ihre Nachteile: Die Messung von GPS-Signalen aus Gebäuden ist schwierig – die App versagt also genau in solchen Situationen, in denen die Übertragung des Virus wahrscheinlicher ist. Auch der Einsatz von Bluetooth Low Energy hat technische Limitationen. So haben Forscher eine eingeschränkte Wirksamkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln festgestellt (zum Beispiel in Straßenbahnen oder Bussen). Zudem funktioniert Bluetooth Low Energy nicht problemlos, wenn die darauf zurückgreifende App nicht im Vordergrund aktiv ist. Das machten Mitte Mai erst Veränderungen der Firmen Apple und Google auf Ebene der Betriebssysteme von iOS und Android möglich, indem sie eine Schnittstelle zur Kontakterfassung mittels Bluetooth Low Energy bereitstellten.

Eine weitere Unterscheidung lässt die Art der Datenspeicherung zu. Sie kann zentral oder dezentral erfolgen. Eine zentrale Speicherung hat den Vorteil, dass die Daten für weitere epidemiologische Auswertungen genutzt werden können (wie in Frankreich und Norwegen; siehe dazu die Länderbeschreibungen weiter unten im Text). Die dezentrale Speicherung, bei der Informationen lediglich auf den einzelnen Smartphones gespeichert werden, genügt strengen Datenschutzanforderungen und soll so das Vertrauen in die freiwillige Nutzung fördern. Sie wird von Apple und Google für die Nutzung ihrer Schnittstelle gefordert.

Deutschland nutzt mit der „Corona-Warn-App“ eine solche Contact-Tracing-App zur Rückverfolgung. Im Folgenden wird deshalb der Fokus auf solche Anwendungen gelegt.

Die Wirksamkeit von Contact-Tracing-Apps

Contact-Tracing-Apps unterliegen dem Netzwerkeffekt: Je mehr Menschen sie verwenden, desto größer ist der Nutzen für alle. Entscheidend ist damit der Anteil der Bevölkerung, der ständig ein Gerät bei sich trägt und das Zusammentreffen mit anderen Geräten aufzeichnet. Im Falle einer gemeldeten Infektion einer Gerätenutzerin oder -nutzers wird darüber nachträglich über die App informiert. Notwendig ist dafür neben der rein technischen Funktionalität der Software eine technische Anbindung an Labore, die erkannte Infektionen möglichst schnell an die Betroffenen übermitteln.

In den meisten Ländern ist die Nutzung einer solchen App freiwillig (Ausnahme sind beispielsweise Singapur und Indien, siehe unten).

Als theoretischer Grenzwert, damit solche Apps als alleinige Maßnahme zu einem Stopp der Pandemie führen können, gilt in einer Studie der Universität Oxford eine Verbreitung bei 60 Prozent der Bevölkerung. Die Autoren der Studie betonen aber auch, dass schon eine viel geringere Verbreitung einen positiven Effekt auf die Infektionszahlen haben kann. Zur Einordnung: Rund 80 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren besitzen ein Smartphone – der notwendige Wert wäre also theoretisch erreichbar. Allerdings müssen für die App auch aktuelle Betriebssysteme installiert sein.

Die obere Grenze der Verbreitung einer App lässt sich anhand der Anzahl von Downloads abschätzen. Zu beachten ist dabei, dass Downloadzahlen nicht unbedingt gleichzusetzen sind mit der Zahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer. So könnte es sein, dass die App zwar auf ein Handy geladen wurde, aber die Bluetooth-Funktion nicht eingeschaltet ist oder dass Nutzer die App löschen und dann erneut herunterladen. Die tatsächliche Verbreitung wird damit immer unterhalb der Downloadzahlen liegen.

Der Nachweis eines tatsächlichen Einflusses von Contact-Tracing-Apps auf das Infektionsgeschehen konnte bisher noch nicht erbracht werden. Eine Übersichtsstudie, veröffentlicht in The Lancet Digital Health im August 2020, konnte dafür keine Anzeichen finden: „Es wurden keine empirischen Belege für die Wirksamkeit der automatisierten Ermittlung von Kontaktpersonen (in Bezug auf die ermittelten Kontakte oder die Reduzierung der Übertragung) gefunden.“

Wie sich Contact-Tracing-Apps international verbreitet haben

Im Folgenden wird die Einführung von Contact-Tracing-Apps in Singapur, Österreich, Indien, Norwegen, Frankreich, Deutschland und Irland beschrieben sowie ein Vergleich der eingesetzten Apps vorgenommen. Zeitlich lassen sich bei der Einführung der Apps allgemein drei Phasen ausmachen:

Phase 1: Februar bis April

Seit Jahrzehnten ist die epidemiologische Methode des Contact-Tracings etabliert, um Ansteckungsketten nachzuvollziehen und zu unterbrechen. Digitale Technologien sollen dies nun ergänzen: Mit Apps auf Smartphones lässt sich die Nachverfolgung von Kontakten automatisieren und in die bestehenden Abläufe der Gesundheitssysteme integrieren.

In Europa gründen sich im Frühjahr 2020 internationale Forschungsgruppen, um Konzepte dafür zu entwickeln. Die Debatten der konkreten Ausgestaltung drehen sich vorwiegend um die Datenspeicherung: Soll sie zentral oder dezentral erfolgen? Soll die App auf Basis von Standortdaten funktionieren oder das Aufeinandertreffen von Personen bzw. ihren Handys über die Funktechnik Bluetooth Low Energy auswerten? Die entscheidende Frage dahinter lautet: In welchem Verhältnis steht der öffentliche Gesundheitsschutz und das Recht auf Privatsphäre?

In ersten Ländern wie Singapur oder Österreich werden Apps veröffentlicht, die mit technischen Limitationen der Betriebssysteme von Apple und Google zu kämpfen haben (siehe unten).

Phase 2: April und Mai

In vielen Ländern enden die Debatten um die technische Ausgestaltung am 10. April 2020: An diesem Tag kündigen Apple und Google an, zum Zweck der Pandemiebekämpfung zusammenzuarbeiten. Der überwiegende Teil aller Smartphones läuft mit den Betriebssystemen der beiden Firmen. Die sogenannte Exposure-Notification-Schnittstelle überwindet bisher bestehende technische Beschränkungen bei der Nutzung von Bluetooth Low Energy: Apps können nun auch Kontakte registrieren, wenn sie im Hintergrund laufen, und nicht nur, wenn sie im Vordergrund aktiv sind. Die Schnittstelle lässt nur eine dezentrale Speicherung zu. Seit dem 20. Mai steht sie in jedem Land jeweils einer öffentlichen Institution zur Verfügung, um sie in einer offiziellen App zu verwenden.

Phase 3: Juni bis September

Insbesondere in Europa stellen immer mehr Regierungen ihre Contact-Tracing-Apps zum Download zur Verfügung. Einem Fortschrittsbericht der EU-Kommission aus dem Juni zufolge basiert der Großteil auf der Schnittstelle von Apple und Google. Lediglich Frankreich (siehe unten), Ungarn und die Slowakei setzen auf eine zentrale Speicherung der Daten. In diesem Fall kann die Schnittstelle von Apple und Google nicht verwendet werden.

Die parallele Entwicklung von Apps in den verschiedenen Ländern führt zu Schwierigkeiten: Die nationalen Apps, egal ob sie Daten zentral oder dezentral speichern, sind untereinander nicht kompatibel. Das bedeutet zum Beispiel: Das Handy einer Person mit einer App aus einem deutschen App-Store kann im Urlaub in Italien keine Kontakte zu einem Telefon aufzeichnen, auf dem eine Anwendung aus dem italienischen App-Store läuft. Diese Funktion soll aber im Laufe des Herbstes implementiert werden (siehe unten).

Sieben Steckbriefe

Singapur

Schon im März hat Singapur als eines der ersten Länder eine Tracing-App eingeführt, bei der sich schnell Probleme zeigten. Die Anwendung in Singapur basiert auf der Bluetooth-Technologie, ohne dass man bei der Einführung auf die erst später von Google und Apple eingeführte Schnittstelle setzen konnte. Das brachte einige technische Nachteile mit sich: Der Akku leert sich schnell, die App muss im Vordergrund laufen und es ist nicht möglich, auch andere Bluetooth-Geräte wie Kopfhörer gleichzeitig zu nutzen. Die Downloadrate war deshalb gerade zu Beginn nicht sehr hoch, mittlerweile liegt sie aber bei mehr als 35 Prozent der Bevölkerung.

Dies liegt auch daran, dass die Nutzung für bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie beispielsweise ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter, die in Sammelunterkünften leben, zwingend vorgesehen ist.

Zudem hat das Land einen sogenannten Bluetooth-Token entwickelt. Das Gerät kann die gleiche Aufgabe wie die App übernehmen, ist jedoch nicht auf ein Smartphone angewiesen. Das soll insbesondere jenen Menschen zugutekommen, die kein Smartphone benutzen.

Neben der Tracing-App setzt die Regierung eine weitere App ein, um eine verordnete Quarantäne mit Selfies oder nicht angekündigten Videoanrufen zu überwachen.

Österreich

Bereits Ende März – und damit nur wenig später als Singapur – veröffentlichte das österreichische Rote Kreuz die von dem IT-Dienstleister Accenture entwickelte „Stopp-Corona-App“ auf Basis einer Bluetooth-Abstandsmessung. Die Kosten von anfänglich rund zwei Millionen Euro trug eine private Stiftung. Begleitet war der Start von einer öffentlichen Debatte um den Datenschutz und die Freiwilligkeit bei der Nutzung.

Ähnlich wie die App in Singapur hatte die österreichische Anwendung technische Schwierigkeiten, etwa durch unzuverlässige Erfassung von Kontakten aufgrund technischer Restriktionen ohne eine zu diesem Zeitpunkt vorhandene Lösung von Google oder Apple. Als großes Manko entpuppte sich zudem der „manuelle Handschlag“ auf Apple-Geräten: Das Speichern von Kontakten fand nicht automatisch statt, sondern jedes Zusammentreffen musste von Usern in der App bestätigt werden. Diese Gemengelage aus nicht abgeschlossenen politischen Debatten und technischen Problemen führte zu einem Imageproblem der App.

Mit dem Wechsel auf die inzwischen entwickelte Schnittstelle von Apple und Google wurden die technischen Defizite im Juni größtenteils beseitigt. Die Downloadzahlen sind dennoch relativ gering geblieben. Bis Ende August wurde die App etwa 900.000 Mal heruntergeladen.

Indien

Die Contact-Tracing-App „Aarogya Setu“ der indischen Bundesregierung ist in elf Sprachen verfügbar und basiert auf einer Vorgänger-App, die bereits im April veröffentlicht wurde. Neben der nationalen App existieren weitere diverse offizielle Apps einzelner Bundesstaaten. Die nationale App kombiniert die Bluetooth-Technologie zur Kontaktverfolgung mit einer GPS-Standorterfassung. Dadurch lassen sich Warnungen an User versenden, wenn diese sich zum Beispiel in einem Risikogebiet aufhalten. Die Speicherung der Daten erfolgt zentral.

Die Nutzung der App ist in Indien – als bislang einzigem demokratischen Staat – für große Teile der Bevölkerung verpflichtend. So müssen staatliche Angestellte und Beschäftigte privater Unternehmen die App installieren und verwenden. Zudem soll sie in besonders stark betroffenen Regionen Pflicht sein. Doch nur rund ein Drittel der indischen Bevölkerung besitzt überhaupt ein Smartphone. Die App-Pflicht ist umstritten, hauptsächlich wird die fehlende gesetzliche Grundlage kritisiert.

Die hohe Bevölkerungszahl Indiens hat der Tracing-App in absoluten Zahlen einen Superlativ beschert: Keine andere Smartphone-App weltweit erreichte jemals 50 Millionen Downloads in kürzerer Zeit – bislang hielt diesen Rekord das Spiel Pokémon Go. Bis zum September sind die Downloads auf mehr als 150 Millionen angestiegen.

Norwegen

Die norwegische Contact-Tracing-App „Smittestopp“ ist mit Mitte April vergleichsweise früh an den Start gegangen, aber nach großen Datenschutzbedenken mittlerweile wieder eingestellt worden. Im Gegensatz zur „Corona-Warn-App“ aus Deutschland verwendete die App aus Norwegen sowohl GPS als auch Bluetooth, um beides zu erfassen: wo die Geräte sind und welche anderen Handys sich in ihrer Nähe befinden. Die Auswertung der Bewegungsprofile sollte dabei helfen, die Ausbreitung des Virus und die Wirksamkeit der staatlichen Maßnahmen zu verfolgen.

Entwickelt wurde die App von der Forschungseinrichtung Simula Research Laboratory im Auftrag des norwegischen Gesundheitsamtes, FHI, innerhalb von knapp fünf Wochen. Die norwegischen Entwicklerinnen und Entwickler hatten sich entschlossen, den Quellcode nicht zu veröffentlichen. Sie befürchteten, dass durch eventuelle Schwachstellen der Schutz von personenbezogenen Daten nicht mehr gewährleistet werden könnte. Zudem gingen sie davon aus, dass die Vorteile von Open Source durch kollaborative Zusammenarbeit bei der ohnehin begrenzten Laufzeit der App, nämlich nur während der Pandemie, nicht wirken würden.

Die Laufzeit der App war dann noch kürzer als angenommen: Nach nur zwei Monaten wurde sie nach einer Warnung der norwegischen Datenschutzbehörde im Juni eingestellt und alle bisher gesammelten und zentral gespeicherten Daten wurden gelöscht. Schon vor der Einstellung verlor die App allerdings massiv an aktiven Nutzerinnen und Nutzern. So lag deren Anzahl Anfang Juni nur bei etwas über einer halben Million, bei mehr als eineinhalb Millionen Downloads.

Auch Amnesty International kritisierte die App scharf und stufte sie, zusammen mit Anwendungen aus Kuwait und Bahrain, wegen der Möglichkeit, die Aufenthaltsorte der Nutzerinnen und Nutzer zu tracken, als bedenklich ein.

Frankreich

Die französische Regierung hatte Anfang April die Entwicklung einer Contact-Tracing-App „StopCovid“ angekündigt. Entwickelt wurde die App kostenlos von einem Team aus mehreren öffentlichen und privaten Organisationen unter der Leitung des nationalen Forschungsinstituts für digitale Wissenschaften und Technologie (Inria). Der in Teilen als Open Source veröffentlichte Code basiert auf einer Abstandsmessung via Bluetooth und einer zentralen anonymisierten Datenhaltung kombiniert mit hohen Sicherheits- und Datenschutzaspekten (dem sogenannten ROBERT-Schema; ROBust and privacy-presERving proximity Tracing).

Die französische Regierung entschied sich damit bewusst gegen die Nutzung der Schnittstelle von Apple und Google. Das hatte zwei Gründe: Zum einen will Frankreich unabhängig von den großen US-Tech-Firmen bleiben, zum anderen hat das Land vor, die anonymisierten Daten für weitergehende Analysen zu nutzen. Diese Entscheidung hat ihren Preis: Insbesondere auf Geräten von Apple, die in Frankreich etwa 20 Prozent der Smartphones ausmachen, funktioniert die App nur eingeschränkt. Denn auf iPhones sollte die App stets im Vordergrund aktiv sein. Trotz einer Bitte der Regierung, dies zu ändern, war Apple dazu nicht bereit. Die französischen Entwicklerinnen und Entwickler fanden einen technischen Umweg, bei dem Geräte mit Android-Betriebssystemen die Apple-Geräte „aufwecken“ können und so das Problem zumindest verkleinern.

Eine Folge des französischen Sonderwegs ist, dass ein geplanter EU-weiter Datenaustausch aller Voraussicht nach nicht funktionieren wird, da der zentrale Ansatz Frankreichs nicht mit den dezentralen Apps anderer Länder kompatibel ist.

Die Downloadzahlen der Anfang Juni veröffentlichten App sind eher gering: Bis Mitte August wurde sie 2,3 Millionen Mal heruntergeladen. Es gab seither 1169 QR-Codes, die zur Meldung einer Infektion verwendet wurden, und 72 ausgegebene Warnungen.

Deutschland

Die Bundesregierung hat die „Corona-Warn-App“ im Juni 2020 in den App-Stores von Google und Apple veröffentlicht. Vorausgegangen war eine Debatte um die technische Ausgestaltung. Sie drehte sich im Kern darum, ob die Daten zentral auf einem Server oder lokal auf den Geräten der Nutzerinnen und Nutzer gespeichert werden. Der ursprüngliche Plan von Gesundheitsminister Jens Spahn war, die Daten zentral zu speichern. Nach einer öffentlichen Debatte sowie der Entscheidung von Google und Apple, eine Schnittstelle (API) zur Verfügung zu stellen, die nur eine dezentrale Speicherung zulässt, hat die Regierung ebenfalls auf eine dezentrale Speicherung umgeschwenkt.

Telekom und SAP haben die App gemeinsam entwickelt, die Kosten für die Entwicklung belaufen sich auf 20 Millionen Euro. Der Code steht öffentlich als Open-Source-Software zur Verfügung.

Das Robert Koch-Institut veröffentlicht regelmäßig Kennzahlen zur App: Bis Anfang September wurde sie 18 Millionen Mal heruntergeladen. Und etwas mehr als 4300 Personen haben nach einem positiven Corona-Test eine sogenannte teleTAN bekommen, mit der sie über die App ihre Kontakte warnen konnten. Problematisch bleibt die technische Anbindung der Labore an die „Corona-Warn-App“. Nur zwei Drittel aller Labore sind direkt an das digitale Erfassungssystem angeschlossen. Infizierte, die von einem Labor ohne direkten Anschluss getestet wurden, müssen sich die TAN erst über einen Anruf bei einer Telefonhotline besorgen.

Die Bundesregierung hat es mit einer groß angelegten Werbekampagne geschafft, dass die „Corona-Warn-App“ laut einer Befragung der Initiative d21 und der Technischen Universität München im August 85 Prozent der Befragten bekannt ist. Jedoch glauben 51 Prozent aller Befragten, dass die Warn-App keinerlei Nutzen bringt.

Auch wenn die deutsche Corona-Tracing-App bereits seit Juni aktiv ist, geht die Diskussion um mögliche Verbesserungen weiter. So gibt es zum Beispiel den Vorschlag, die App so weiterzuentwickeln, dass unter Beibehaltung des datensparsamen Ansatzes trotzdem eine Häufung von Infektionen (Cluster) erkannt werden kann.

Irland

Die Corona-Tracing-App in Irland baut ebenfalls auf der Schnittstelle von Google und Apple auf. Sie gilt – wie die deutsche Variante – als Erfolg, gemessen an der Anzahl der Downloads. Innerhalb der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung wurden sie mehr als eine Million Mal auf Smartphones installiert. Zur Einordnung: In Irland leben etwas weniger als fünf Millionen Menschen.

Im Gegensatz zur deutschen „Corona-Warn-App“ wurde die Anwendung nicht von Großunternehmen entwickelt. Das mittelständische Software-Unternehmen Nearform mit 150 Angestellten hat die App programmiert. Die irische Regierung kostete die App 850.000 Euro.

Mittlerweile haben Nordirland und Gibraltar die Lösung adaptiert, auch Schottland hat die Firma engagiert und will bald eine Tracing-App zur Verfügung stellen. Wahrscheinlich werden noch weitere Länder oder Regionen auf diese technische Basis zurückgreifen: Denn der irische Health Service und Nearform haben Ende Juli den Quellcode unter dem Namen Covid Green als Open Source veröffentlicht und der neu gegründeten Linux Foundation Public Health übergeben.

Ausblick: Wie geht es weiter?

Wichtig ist: Technologie allein wird die Corona-Pandemie nicht beenden. Ob Contact-Tracing-Apps eine sinnvolle zusätzliche Maßnahme sind, um die Pandemie einzudämmen, wird erst die retrospektive Analyse zeigen. Die schnelle technische Realisation ist derzeit ein riesiger Feldversuch, der nicht ohne Versuch und Irrtum, Fehler, Rückschläge und begleitende gesellschaftspolitische Debatten ablaufen kann.

In Bezug auf Corona-Tracing-Apps zeichnet sich eine kommende, vierte Phase ab: Es bilden sich internationale Systeme aus.

Ein ehrgeiziges Projekt mit dem Ziel, geschlossene Grenzen wieder öffnen zu können, starten die Länder der Afrikanischen Union mit PanaBIOS: Reisende können über eine App ihre Testresultate auch in einem anderen Land nutzen, weil die Ergebnisse zentral gespeichert werden.

Die EU will mit dem EU Federation Gateway Server die nationalen Apps miteinander verknüpfen: Die Mitgliedsstaaten haben sich im Juni auf die technischen Spezifikationen dafür geeinigt. Auf Initiative der EU-Kommission werden die europäischen dezentralen Apps miteinander kompatibel gemacht – umgesetzt von Telekom und SAP, die die deutsche Tracing-App entwickelt haben. Davon ausgeschlossen sein werden Apps aus Frankreich, Ungarn und der Slowakei, die auf eine grundsätzlich andere Architektur bauen (zentrale Datenspeicherung, ohne Google-Apple-API). Zudem haben Apple und Google angekündigt, die Funktionalität ihrer Schnittstelle künftig auch auf Ebene der Betriebssysteme zur Verfügung stellen zu wollen. Das bedeutet: Eine zusätzliche App wäre dann für das Contact-Tracing nicht mehr notwendig.

Zum Weiterlesen:

Projekte, die versuchen fortlaufend die internationalen technologischen Entwicklungen mitzuverfolgen:

Katharina Brunner

Katharina Brunner ist wissenschaftliche Referentin in der Abteilung Forschung am bidt. Zuvor war sie Datenjournalistin bei der Süddeutschen Zeitung, wo sie Politik- und Wahlberichterstattung mit programmierter Recherche und visueller Aufbereitung kombinierte. Für ihre Arbeit wurde sie u.a. mit dem Nannen Preis 2019 für “Das gespaltene Parlament” und dem Journalistenpreis Informatik für die Analyse einer chinesischen Überwachungssoftware ausgezeichnet. Sie befasst sich am bidt momentan mit politischen Digitalisierungsstrategien.

Ulrike Mendel

Ulrike Mendel ist wissenschaftliche Referentin in der Abteilung Think Tank des bidt. Nach ihrem Studium der Informationswissenschaften und Wirtschaftsinformatik und ihrem Musikstudium arbeitete sie lange Zeit als Softwareentwicklerin mit Fokus auf Web. Ihre Schwerpunkte sind u.a. Datenanalyse, Softwareentwicklung und Music Information Retrieval.

Christian Stumpf

Christian Stumpf ist wissenschaftlicher Referent in der Abteilung Think Tank am bidt. Der Diplom-Soziologe war zuvor am „Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung“ und danach mehr als zehn Jahre in einem renommierten Markt- und Meinungsforschungsinstitut tätig. Zu seinen Schwerpunkten zählen (automatisierte) Datenverarbeitung und empirische Sozialforschung.

Dr. Roland A. Stürz

Dr. Roland A. Stürz ist Abteilungsleiter Think Tank am bidt. Vor seiner Tätigkeit am bidt war er als wissenschaftlicher Referent am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb in München und davor als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Innovationsforschung, Technologiemanagement und Entrepreneurship der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Roland A. Stürz studierte Betriebswirtschaftslehre an der LMU München und an der Copenhagen Business School. Er ist Diplom-Kaufmann, Master of Business Research und promovierter Betriebswirt. Er unterrichtet regelmäßig am Munich Intellectual Property Law Center einen Kurs zu Innovationspolitik. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Innovationspolitik, digitale Transformation und Industrieevolution.

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