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Disziplin

Psychologie

Psychoinformatik

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Als Psychoinformatik beschreibt man den Einsatz von informatischen Methoden, um psychologische Phänomene besser zu verstehen. [1] Dabei wird beispielsweise versucht, von digitalen Fußabdrücken Vorhersagen auf mentale Zustände, wie zum Beispiel depressive Stimmungen [2] oder Persönlichkeitsmerkmale [3], vorzunehmen. Die am meisten untersuchten digitalen Fußabdrücke stellen aktuell Daten der sozialen Medien oder des Smartphones dar. Dabei werden in den sozialen Medien beispielsweise Likes oder gepostete Texte untersucht [4], auf den Smartphones dagegen Anrufverhalten, GPS-Daten oder auch die App-Nutzung. [5]  

Die Datenmengen können innerhalb der Disziplin Psychoinformatik schnell große Ausmaße annehmen, die in unterschiedlichen Formaten und Geschwindigkeiten auf dem Server eingehen (die drei V von Big Data: Volume, Variety and Veracity). Dies hat auch Auswirkungen auf die Datenauswertestrategien, die jenseits klassischer statistischer Verfahren vermehrt auf maschinelles Lernen setzen, um auch nicht lineare komplexe Zusammenhänge innerhalb der Daten berücksichtigen zu können.

Im Kontext der Disziplin Psychoinformatik lassen sich die beiden Begrifflichkeiten Digital Phenotyping und Mobile Sensing verorten. Während Mobile Sensing u. a. auf das Erspüren psychologischer Variablen von Daten mobiler Endgeräte abzielt (aktuell vor allen Dingen von Daten des Smartphones), stellt Digital Phenotyping den breiter zu fassenden Begriff dar, der alle digitalen Fußabdrücke eines Internets der Dinge umfasst, die zur Vorhersage von psychologischen Variablen dienen können. [6]

Vergleichbarkeit mit analogen Phänomenen

Für die Psychologie war es lange Zeit sehr aufwendig, im Alltag von Menschen zu forschen. Damit ist gemeint, dass beispielsweise Beobachtungsstudien durchgeführt werden, um zu verstehen, wie sich Menschen in ihrer natürlichen Umgebung verhalten. Deswegen überrascht es nicht, dass in einem vormals analogen Zeitalter vermehrt Selbstreportstudien mit Fragebögen durchgeführt wurden und Beobachtungsstudien im Alltag aufgrund der hohen benötigten Ressourcen deutlich seltener ausfielen. [7]

Das Studium digitaler Fußabdrücke ermöglicht es nun, Menschen in ihrem Alltag zu beobachten. Da das Smartphone für viele Menschen der ständige Begleiter ist, ergeben sich neue Gelegenheiten, das Verhalten von Personen durch das Studium ihrer digitalen Fußabdrücke sogar über längere Zeiträume in unterschiedlichen Lebenslagen zu untersuchen. Damit gehen allerdings auch große ethische Herausforderungen einher, vor allem, wenn es um den Schutz der Identität der Studienteilnehmenden geht. [8] Im Idealfall werden psychoinformatische Studien mit Privacy-by-Design-Prinzipien durchgeführt. [9], Das heißt, es ist dafür Sorge zu tragen, dass die Studienteilnehmenden aufgrund der aufgezeichneten Daten nicht zu identifizieren sind.

Gesellschaftliche Relevanz

Die Unternehmen hinter den sozialen Medien arbeiten mit Geschäftsmodellen des Überwachungskapitalismus [10], [11], indem sie die Datenspuren der Nutzerinnen und Nutzer auswerten, um zu verstehen, welche Eigenschaften und Vorlieben diese Personen besitzen.[12] Momentan sind die Schnittstellen zu den sozialen Medien meist geschlossen (APIcalypse) [13], [14], sodass die Erforschung dieses Bereichs erschwert wird. Vor diesem Hintergrund erscheint es besonders wichtig, mit Methoden der Psychoinformatik nachzuweisen, wie gut Vorhersagen von digitalen Fußabdrücken auf unterschiedliche Variablen ausfallen, da anderenfalls unklar bleibt, mit welcher Präzision die Tech-Industrie zentrale Eigenschaften ihrer Nutzerinnen und Nutzer herausarbeiten kann. Momentan sind die sozialen Medien mit ihrem Datengeschäftsmodell zumeist leider eine Blackbox. Aufgrund der auftretenden negativen Einflüsse auf den Plattformen, wie Verbreitung von Missinformationskampagnen, Hassreden, aber auch der Verlust der Privatsphäre, stellt dies ein großes Problem dar.

Die gesellschaftliche Relevanz der Psychoinformatik-Disziplin liegt aber nicht nur im Verständnis der Funktionsweise der sozialen Medien, sondern auch in der Überlegung, wie man digitale Fußabdrücke in ethischer Weise für sinnvolle Anwendungen im psychologischen Gesundheitsmanagement einsetzen kann, um beispielsweise die Psychodiagnostik oder die psychologische Psychotherapie zu unterstützen. Besonders aus dem Zusammenspiel von Selbstreportdaten und dem Studium digitaler Fußabdrücke können möglicherweise auch neue zentrale Erkenntnisse in der Psychologie herausgearbeitet werden. [15]

Quellen

  1. Montag, C., und Baumeister, H. (Eds.). (2022). Digital Phenotyping and Mobile Sensing: New Developments in Psychoinformatics. Springer Nature.
  2. Seppälä, J., De Vita, I., Jämsä, T., Miettunen, J., Isohanni, M., Rubinstein, K., und Bulgheroni, M. (2019). Mobile phone and wearable sensor-based mHealth approaches for psychiatric disorders and symptoms: systematic review. JMIR Mental Health, 6(2), e9819.
  3. Marengo, D., Elhai, J. D., und Montag, C. (2023). Predicting Big Five personality traits from smartphone data: A meta‐analysis on the potential of digital phenotyping. Journal of Personality, 91(6), 1410-1424.
  4. Marengo, D., und Montag, C. (2020). Digital phenotyping of big five personality via facebook data mining: a meta-analysis. Digital Psychology, 1(1), 52-64.
  5. Montag, C., Baumeister, H., Kannen, C., Sariyska, R., Meßner, E. M., und Brand, M. (2019). Concept, possibilities and pilot-testing of a new smartphone application for the social and life sciences to study human behavior including validation data from personality psychology. J, 2(2), 102–115.
  6. Montag, C., Elhai, J. D., und Dagum, P. (2021). Show me your smartphone … and then I will show you your brain structure and brain function. Human Behavior and Emerging Technologies, 3(5), 891–897.
  7. Simon, A. F., and Wilder, D. (2022). Methods and measures in social and personality psychology: a comparison of JPSP publications in 1982 and 2016. The Journal of Social Psychology, 1–17.
  8. Montag, C., Sindermann, C., und Baumeister, H. (2020). Digital phenotyping in psychological and medical sciences: a reflection about necessary prerequisites to reduce harm and increase benefits. Current Opinion in Psychology, 36, 19-24.
  9. Schaar, P. (2010). Privacy by design. Identity in the Information Society, 3(2), 267-274.
  10. Zuboff, S. (2015). Big other: surveillance capitalism and the prospects of an information civilization. Journal of Information Technology, 30(1), 75-89.
  11. Montag, C., und Elhai, J. D. (2023). On Social Media Design,(Online-) Time Well-spent and Addictive Behaviors in the Age of Surveillance Capitalism. Current Addiction Reports, 1-7.
  12. Montag, C. (2021). Du gehörst uns!: Die psychologischen Strategien von Facebook, TikTok, Snapchat & Co. Karl Blessing Verlag.
  13. Bruns, A. (2019). After the ‘APIcalypse’: Social media platforms and their fight against critical scholarly research. Information, Communication & Society, 22(11), 1544-1566.
  14. Montag, C., Hegelich, S., Sindermann, C., Rozgonjuk, D., Marengo, D., und Elhai, J. D. (2021). On corporate responsibility when studying social media use and well-being. Trends in Cognitive Sciences, 25(4), 268–270.
  15. Montag, C., Dagum, P., Hall, B. J., und Elhai, J. D. (2022). Do we still need psychological self-report questionnaires in the age of the Internet of Things?. Discover Psychology, 2(1), 1.