Forschung
INTERVIEW

„Verstehen, was China macht“

Das Sozialkreditsystem in China erfasst die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Personen sowie deren Verhalten. Ein Interview mit der Sinologin und Ökonomin Doris Fischer über die Rolle des Vertrauens in der Wirtschaft und die Frage, was die Schufa weiß.

Straßenszene in China. Foto: Bryan G/Unsplash

(Foto: Bryan G/Unsplash)

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Professorin Doris Fischer, Inhaberin des Lehrstuhls für China Business and Economics an der Universität Würzburg, ist eine der Projektleiterinnen im bidt-Projekt „Vom ‚Vorreiter‘ lernen? Eine multidisziplinäre Analyse des chinesischen Sozialkreditsystems und seiner Auswirkungen auf Deutschland“.

Das Sozialkreditsystem Chinas enthält Elemente, die mit der Schufa verglichen werden. Welche Parallelen gibt es und wo endet der Vergleich?

Die ursprüngliche Idee des Sozialkreditsystems war es, dass man, um Vertrauen in Wirtschaftsbeziehungen zu schaffen, die Kreditwürdigkeit von Personen überprüfen können muss und dafür Daten benötigt. Dahinter steht dieselbe Logik wie zum Beispiel bei der Schufa. Wenn man bei uns eine Wohnung mietet oder einen Hauskredit will, wird ja auch eine Schufa-Auskunft verlangt.

Doch während die Schufa ein privates Unternehmen ist, sammelt in China der Staat die Daten und macht die Informationen öffentlich. Das damit verbundene „public shaming and blaming“ hat man aber nicht mit dem Sozialkreditsystem erfunden. Es ist in China kulturell verankert, dass gutes Verhalten öffentlich belohnt und herausgestellt wird.

Das Sozialkreditsystem wird erst seit 2014 aufgebaut, wie hatte das bis dahin funktioniert?

Vertrauen wird in China traditionell über Beziehungen aufgebaut. Das Leben findet statt zwischen Menschen, zu denen man eine Beziehung hat. Fremden gegenüber ist man eher indifferent. Das Grundvertrauen zu seinem Nächsten, wie wir es in westlichen Gesellschaften kennen, und unsere Rechtstradition, die für Sicherheit sorgt, gibt es in China nicht.

Mit der Globalisierung und dem internationalen Wettbewerb stand die chinesische Regierung daher vor dem Dilemma: Wie sichert man dieses Vertrauen in einer komplexen Marktwirtschaft?

Das Sozialkreditsystem hat für sie neben der Schufa-Funktion auch den Reiz, dass sich das Individuum darüber erziehen lässt. Wer gegen Regeln verstößt, landet auf einer sogenannten Blacklist, die öffentlich einsehbar ist, und gilt als nicht vertrauenswürdig.

Wer gegen Regeln verstößt, landet auf einer sogenannten Blacklist, die öffentlich einsehbar ist, und gilt als nicht vertrauenswürdig.

Prof. Dr. Doris Fischer

Wie kann man sich das Sozialkreditsystem konkret vorstellen?

Das ist alles noch im Aufbau. Man darf sich das nicht als ein einheitliches System vorstellen, dass die Daten aller Chinesen im ganzen Land erfasst und transparent macht. Noch gibt es keine einheitlichen Scores für alle. Ich halte es auch nicht für wahrscheinlich, dass es das jemals geben wird. Es sind viele einzelne, vor allem lokale Systeme. Aber man kann darüber schon einsehen, ob eine Firma auf einer schwarzen oder roten Liste steht.

Ein wesentlicher Unterschied zu einer Einrichtung wie der Schufa bei uns ist auch, dass es zwischen den Behörden Abkommen gibt, miteinander darüber zu kommunizieren, und das für Sanktionen genutzt wird, auf individueller Ebene, aber auch für Unternehmen.

Das führt dazu, dass Firmen auch auf das Verhalten ihrer Mitarbeiter achten und umgekehrt sich das Rating eines Unternehmens auch auf die Bewertung des Inhabers auswirkt.

Momentan spielt das Sozialkreditsystem für viele Menschen keine große Rolle, aber es gibt schon Berufsgruppen oder Situationen, wenn man einen Kredit braucht oder ins Ausland reisen möchte, wo es für den Einzelnen wichtig werden kann.

Zuletzt gab es von der Schufa Ansätze, Einblicke in die Kontobewegungen von Privatpersonen zu nehmen, um deren Kreditwürdigkeit zu prüfen. Das geht deutlich weiter als das, was wir über das chinesische System wissen.

Prof. Dr. Doris Fischer

Der Titel Ihres bidt-Projekts enthält die Formulierung „Vom ‚Vorreiter‘ lernen“. Was lässt sich von dem Sozialkreditsystem lernen?

China etabliert mit dem Sozialkreditsystem ein neues Regulierungsmodell. Wenn die Regierung merkt, dass das funktioniert, wird sie versuchen, es international zu verbreiten. Werden dann auf internationaler Ebene Finanzen nicht mehr nur durch die Weltbank, sondern auch auf Basis des Sozialkreditsystems überprüft?

Man muss verstehen, was China mit dem Sozialkreditsystem macht, um einschätzen zu können, was es bedeutet, wenn das in die internationale Praxis diffundieren sollte.

Und auf die Schufa bezogen: In Deutschland gibt es Diskussionen, ob die Schufa transparenter machen sollte, wie sie zu ihren Bewertungen kommt, zum Beispiel indem sie ihre Algorithmen veröffentlicht. Zuletzt gab es von der Schufa Ansätze, Einblicke in die Kontobewegungen von Privatpersonen zu nehmen, um deren Kreditwürdigkeit zu prüfen. Das geht deutlich weiter als das, was wir über das chinesische System wissen.

In Deutschland ist die Angst viel größer als in China, dass der Staat zu viele persönliche Daten haben könnte. Wir geben sie dafür gegenüber Unternehmen preis.

Das Projekt

Prof. Dr. Eugénia da Conceição-Heldt und Dr. Omar Ramon Serrano Oswald von der Hochschule für Politik München/School of Governance (TUM), die Sinologin und Betriebswirtin Prof. Dr. Doris Fischer (Universität Würzburg) und der Informatiker Prof. Dr. Jens Großklags (TUM) forschen gemeinsam im bidt-Projekt „Vom ‚Vorreiter‘ lernen? Eine multidisziplinäre Analyse des chinesischen Sozialkreditsystems und seiner Auswirkungen auf Deutschland“.

Zum Projekt
15. März 2021

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