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Die Rolle von Humor in der Klimakrise

Die Rolle von Humor in der Klimakrise

Welche Rolle spielen humorvolle Inhalte wie Memes im Klimadiskurs? Dieser Frage widmet sich ein Team von Forschenden aus der Kommunikationswissenschaft, Computer Vision und Computerlinguistik im Projekt KLIMA-MEMES. Im Rahmen der re:publica 24 hat der Kommunikationswissenschaftler Simon Lübke erste Befunde vorgestellt.


Internetmemes sind ein populäres Phänomen auf verschiedenen Social-Media-Plattformen. In Deutschland wurden Anfang September 2023 die Social-Media-Timelines von Internetmemes bestimmt, die Olaf Scholz nach einem Sportunfall mit Augenklappe zeigten und zu deren Erstellung der Bundeskanzler über seine Social-Media-Profile zuvor selbst aufgerufen hatte. Während es sich im Fall von Scholz wohl vor allem um eine Strategie zur Imagepflege handelte, gelten Internetmemes in kontroversen politischen Diskursen, wie beispielsweise zum Klimawandel, als effektives Format für politische Akteurinnen und Akteure, um Aufmerksamkeit für eigene Positionen zu generieren. So lassen sich Internetmemes strategisch einsetzen, um auf humorvolle Weise bestimmte Ansichten zum Klimawandel zum Ausdruck zu bringen.

Protestbewegungen wie Fridays for Future nutzen Internetmemes, um in der Klimakrise Verantwortung zuzuschreiben und für die Bewältigung der Krise zu mobilisieren. Parallel dazu verwenden Klimaskeptikerinnen und ‑skeptiker zum Teil dieselben Memevorlagen, um Aktivistinnen und Aktivisten zu diffamieren und Zweifel am vom Menschen gemachten Klimawandel zu erzeugen. So entstanden gerade im Rahmen politischer Großereignisse, wie Klimakonferenzen, regelmäßig neue Internetmemes, die von Nutzerinnen und Nutzern neu erstellt, adaptiert oder schlicht geteilt werden. Bislang ist allerdings unklar, wie häufig Internetmemes im Klimawandeldiskurs veröffentlicht und welche Art von Humor eingesetzt wird. Die wenigen existierenden Studien untersuchen hier meist nur die Internetmemes von Memeprofilen, deren Analyse kaum Rückschlüsse auf die tatsächliche Verbreitung und Relevanz der Beiträge im Diskurs erlaubt. 

Memes und die (potenzielle) Wirkung von Humor

Ein wesentliches Merkmal von Memes ist die Verwendung von Humor. Das Besondere an Memes ist, dass der Humor meist erst durch das Zusammenspiel  von Bild- bzw. Video- und Textelementen erzeugt wird. Für die Nutzung von Humor in der politischen Kommunikation lassen sich unterschiedliche Wirkungen unterscheiden, die auch für Memes gelten. Zu den positiven Wirkungen gehört, dass mithilfe von Humor mehr Aufmerksamkeit generiert und der Lerneffekt bei Personen mit wenig Vorwissen verstärkt werden kann. Zudem kann er sich auch eignen, um Tabuthemen anzusprechen. Zu den negativen Wirkungen zählt, dass Humor von zentralen Informationen ablenken, die Glaubwürdigkeit von Kommunikatorinnen und Kommunikatoren schädigen und die Bereitschaft zum Handeln senken kann, weil das Thema als weniger ernst wahrgenommen wird. Welche Wirkung der Humor in Memes genau entfaltet, hängt allerdings auch sehr vom jeweils angewendeten Humorstil ab. Erste Studien aus anderen politischen Diskursen zeigen, dass in Memes häufig aggressiver Humor genutzt wird, mit dem man sich in negativer Weise über andere lustig macht.

UN-Weltklimakonferenz in Dubai

Um genauer zu verstehen, welche Rolle Memes und Humor in der aktuellen Klimadebatte spielen, haben wir während der UN-Weltklimakonferenz 2023 in Dubai im Rahmen des Projekts Social Media Posts von den Plattformen Facebook, Instagram, TikTok und YouTube gesammelt. Dabei haben wir Beiträge erfasst, die durch die Verwendung von Schlagworten und Hashtags einen Bezug zum Klimawandel aufweisen oder aber von den Profilen relevanter Stakeholder im deutschen Klimadiskurs veröffentlicht wurden. Bereits während der Konferenz haben wir mit explorativen Echtzeitanalysen dieser Daten zeigen können, dass auf allen vier Plattformen humorvolle Inhalte und Memes eingesetzt werden, jedoch auf TikTok deutlich mehr Beiträge mit humorvollen und Meme-Hashtags veröffentlicht wurden. Im Klimadiskurs wird dabei in den Memes vorrangig aggressiver Humor und eine negative Art der Darstellung über bestimmte Gruppen, Organisationen oder Personen verwendet. Allerdings stammen diese Beiträge in aller Regel nicht von politischen Akteurinnen und Akteuren, sondern vor allem von privaten Nutzerinnen und Nutzern.

Vortrag des KLIMA-MEMES-Projekts auf der re:publica 24

Das bestätigen auch die Ergebnisse einer manuellen Inhaltsanalyse der Beiträge von Akteurinnen und Akteuren im deutschen Klimadiskurs, die wir in einem Vortrag auf der re:publica 24 vorgestellt haben. Im Rahmen der Analyse haben wir 1.000 Posts von Profilen von Politikerinnen und Politikern, Parteien, Profile von organisierten Klimaskeptikerinnen und ‑skeptikern, NGOs und Aktivistinnen und Aktivisten untersucht. Das Ergebnis zeigt, dass Memes und humorvolle Beiträge rein von der Anzahl keine große Rolle spielen. Weniger als ein Prozent der untersuchten Bild- und Videobeiträge konnten wir als Meme klassifizieren. Statt Memes veröffentlichen die Akteurinnen und Akteure in erster Linie Bilder, die Digitalposter und Sharepics enthalten, oder aber Fotos von Events ohne eine Textbotschaft im Bild. Das gilt zumindest für die Plattformen Instagram, Facebook, TikTok und YouTube, wo Memes in unseren Daten rein quantitativ demnach kaum eine Rolle spielen.

Fazit

Die geringe Zahl an Internetmemes auf den Profilen von politischen Stakeholdern hat unser Projektteam nicht sehr überrascht. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass viele Akteurinnen und Akteure vor dem Format Internetmemes zurückschrecken, weil das Risiko sehr präsent ist, im ernsten Klimadiskurs zu floppen oder gar selber zur Zielscheibe für Memes zu werden. Dennoch unterstreichen die Ergebnisse, dass das vorhandene Potenzial des Formats während der Klimakonferenz nicht ausgeschöpft wurde. Die Generalisierbarkeit dieser Ergebnisse wird im Projekt durch eine weitere Datenerhebung während der nächsten UN-Klimakonferenz 2024 (COP29) überprüft. Im Rahmen der re:publica 24 wurden mit den Teilnehmenden weitere Erklärungen für die geringe Anzahl von Memes diskutiert. Demnach dürften Internetmemes auf anderen Plattformen mit kleineren und homogeneren Gruppen wie auf reddit relevanter sein. Zudem wurden auch fehlende Bildrechte als mögliche Hürde für die Verwendung von Memes thematisiert. Unabhängig von den jeweiligen Erklärungen bleibt allerdings das Ergebnis, dass die wenigen vorhanden Memes auf den reichweitenstärksten Plattformen mit aggressivem Humor arbeiten, der zur Diskriminierung einzelner Gruppen und zur Polarisierung des Diskurses führen kann.

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