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Acht Thesen zur interdisziplinären Zusammenarbeit

Vom Zauberwort Interdisziplinarität, von der Notwendigkeit eines Glossars und der passenden Persönlichkeit: der Kommunikationswissenschaftler Hans-Bernd Brosius über wissenschaftliches Arbeiten über Fächergrenzen hinweg.

Das Wissenschaftssystem hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dynamisch differenziert. Als die LMU in Ingolstadt gegründet wurde, gab es vier Fakultäten mit wenigen Professoren. Heute gibt es 18 Fakultäten mit knapp 800 Professuren. Wie sich die Wissenschaft differenziert hat, zeigt ein Blick auf die Schule – in den Schulfächern wird ja unser disziplinäres Denken in gewisser Weise angelegt. Wenn man die Schul- mit den Universitätsfächern vergleicht, sieht man, dass die Kluft immer größer wird: Die Uni differenziert sich in Tausende Wissenschaftsgebiete, während die Schule bei ihren Fächern relativ konstant geblieben ist.

Die Fächer werden aber nicht nur zahlreicher, sie überschreiten auch klassische Fakultätsgrenzen. Das ist zum Beispiel der Fall bei Digital Humanities oder Behavioral Economics.

Bevor ich zu meinen Thesen zum interdisziplinären Arbeiten komme, möchte ich kurz auf die Frage eingehen: Was ist denn überhaupt eine Disziplin? Man kann das an verschiedenen Indikatoren festmachen, klassischerweise an Studienfächern, vielleicht auch an Berufsfeldern, die damit korrespondieren. Es gibt Journals, die sich disziplinär zuordnen lassen, und Fachgesellschaften, die disziplinär organisiert sind. Es gibt zudem so etwas wie eine Identität der beteiligten Forscherinnen und Forscher, ihr Selbstverständnis. Und doch lässt sich die Frage, was eine Disziplin letztlich ist, schwer beantworten.

Man kann sicher auch innerhalb von Fächern einzelne Subdisziplinen festmachen. Wenn ich mit einem anderen Kommunikationswissenschaftler zusammen ein Projekt mache, dann ist das in gewisser Weise auch interdisziplinär. Das ist aber wahrscheinlich nicht das, was wir meinen, wenn wir im Alltagsverständnis von interdisziplinärer Zusammenarbeit sprechen. Ich möchte versuchen, Chancen und Risiken interdisziplinärer Zusammenarbeit, auch aufgrund meiner eigenen persönlichen Erfahrung, an acht Thesen entlang abzuschätzen.

These 1: Interdisziplinäres Arbeiten ist nicht per se ein Gewinn

Interdisziplinäres Arbeiten lässt sich nicht auf alle Forschungsfragen anwenden, sondern es gibt ein Primat der Forschungsfrage. Es ist die Forschungsfrage, die festlegt, ob man interdisziplinär arbeitet oder auch nicht. Damit geht auch einher, dass die beteiligten Disziplinen nicht gleichberechtigt sind. Meistens gibt es eine Disziplin, die den Lead hat, und andere, die eher zuarbeiten.

These 2: Interdisziplinäres Arbeiten entsteht vor allem dann, wenn es starke Disziplinen gibt

Interdisziplinäres Arbeiten bedeutet nicht, dass alle alles können. In den verschiedenen Disziplinen müssen Teilfragestellungen erkennbar sein. Ich habe den Eindruck, dass die Zusammenarbeit dann gut funktioniert, wenn die einzelnen Disziplinen auch einen klaren eigenen Beitrag zu der Fragestellung leisten können. Der Mehrwert entsteht dann aus der Zusammenarbeit von eigenständigen Disziplinen.

These 3: Interdisziplinäres Arbeiten braucht eine gemeinsame Sprache

Gut ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit meiner Erfahrung nach immer dann gelaufen, wenn wir ein Glossar entwickelt haben. Wenn wir wichtige Begriffe aus dem Projektkontext aus der jeweiligen fachlichen Perspektive definiert haben.

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Projekt, das ich zusammen mit Informatikern und Ökonomen gemacht habe: Was die drei Fächer etwa allein unter solchen trivial erscheinenden Begriffen wie „Medien“ oder „Daten“ verstehen, ist so verschieden, dass man ein Glossar braucht, in dem diese drei Perspektiven deutlich werden, sonst kann man nicht miteinander reden. Ich glaube aber nicht, dass es entscheidend ist, eigene interdisziplinäre Begriffe zu entwickeln. Es geht eher darum, dass man versteht, was die anderen mit den jeweiligen Begriffen meinen.

These 4: Das Gelingen interdisziplinärer Zusammenarbeit ist eine Persönlichkeitsfrage

Es hilft, wenn man bereits Erfahrung in interdisziplinärem Arbeiten oder selbst einen entsprechenden Hintergrund in verschiedenen Fächern hat. Dazu ist wesentlich: dass man zuhören kann, übersetzen kann, sich in die Situation anderer einfühlen kann, Menschen mag und neugierig ist – wobei die Neugier wahrscheinlich der entscheidende Faktor für eine gelingende Zusammenarbeit ist.

These 5: Interdisziplinäres Arbeiten geht häufig auf drängende Fragen der Gegenwart ein

Interdisziplinäres Arbeiten spielt nicht so sehr eine Rolle in der Grundlagenforschung, sondern findet sich eher bei der beispielsweise vom BMBF geförderten angewandten Forschung, bei der tatsächliche, aktuelle und oft drängende Probleme bearbeitet werden. Corona hat zum Beispiel bereits bei der DFG zu Vorschlägen geführt, wie man interdisziplinär über Pandemien und Epidemien forschen kann.

These 6: Interdisziplinär ist ein Zauberwort bei Drittmittelprojekten

Schon in vielen Ausschreibungen wird darauf hingewiesen, dass man möglichst interdisziplinär arbeiten soll. Die Projekte selbst sind oft so konzipiert, dass man sie nur mit verschiedenen Disziplinen bearbeiten kann. Implizit wird dabei häufig interdisziplinär mit innovativ gleichgesetzt. Wenn ich mir die Exzellenzanträge der unterschiedlichen Unis ansehe, dann ist immer von innovativen Forschungsfeldern die Rede und im nächsten Schritt davon, dass diese an den Grenzen der Disziplinen entstehen.

Das hat in der Praxis häufig Folgen, die man so zunächst nicht bedenkt, nämlich die Frage der Begutachtung solcher interdisziplinärer Forschungsverbünde: Wer ist eigentlich geeignet, diese zu begutachten? Sicher nicht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sehr stark aus einer Disziplin heraus argumentieren.

These 7: Interdisziplinäres Arbeiten kann individuelle Karrierewege behindern

Ausschreibungen für Professuren und andere Wissenschaftlerstellen sind oft disziplinär. Sie finden innerhalb von Fächern und Organisationen statt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zwischen den Fächern changieren, haben daher unter Umständen schlechtere Berufungschancen. Das habe ich in Berufungsverfahren, bei denen ich involviert war, immer wieder gesehen.

Ich würde jungen Kolleginnen und Kollegen daher raten, nicht nur in einem interdisziplinären Kontext zu publizieren, da man ja ein gerüttelt Maß an Publikationen vorlegen muss. Dabei muss man aber auch sehen: Es gibt Upside- und Downside-Fächer. Eine meiner Publikationen mit dem größten Impact-Faktor ist eine, wie ich finde, eher unbedeutende Publikation über Risiken der Risikokommunikation, die in einem medizinischen Journal erschienen ist. Aber der Impact-Faktor schlägt alles andere. Da es in den unterschiedlichen Fächern unterschiedliche Levels von Impact-Faktoren gibt, kann man natürlich sehr davon profitieren, als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler eines kleinen Fachs im Kontext eines großen zu publizieren.

These 8: Aus interdisziplinärer Zusammenarbeit entstehen neue Institutionen, Organisationen oder Disziplinen

Aus interdisziplinärer Zusammenarbeit, wenn sie gleichzeitig an verschiedenen Standorten stattfindet, längerfristig angelegt ist und eigenen Nachwuchs hervorbringt, können auch neue Disziplinen in neuen organisatorischen Einheiten entstehen. Da gibt es auf einmal ein Biomedizinisches Zentrum mit neuen Fächern oder kombinierte Fächer wie Bioinformatik, Medieninformatik oder Medizininformatik. Hier passen dann interdisziplinär arbeitende und entsprechend sozialisierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf einmal ganz besonders gut. Aber das lässt sich nicht so einfach steuern, und es ist wohl auch ein längerfristiger Prozess.

So lässt sich zusammenfassen: Interdisziplinäres Arbeiten ist nicht der Weisheit letzter und einziger Schluss. Es kommt immer auf die Fragestellung an. Es kommt auf die Menschen an, die miteinander arbeiten. Und letztlich kommt es auch darauf an, die verschiedenen Ansprüche, individuellen Karrierewege, Organisationsformen und die Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen einigermaßen miteinander kongruent zu machen.

Der Gastbeitrag spiegelt einen Vortrag von Hans-Bernd Brosius beim Mitarbeitertreffen der Forschungsprojekte am bidt im April 2020 wider.

Prof. Dr. Hans-Bernd Brosius

Er leitet den Lehrstuhl für Empirische Kommunikationswissenschaft am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU. Hans-Bernd Brosius hat Psychologie und Medizin studiert, in Psychologie promoviert und ist nach der Promotion in die Kommunikationswissenschaft gewechselt. Er war an zahlreichen interdisziplinären Projekten beteiligt – unter anderem mit Medizinern und Ökonomen – und hat dabei, wie er sagt, „viel gelernt“.