ANALYSEN UND STUDIEN

Digitalisierung durch Corona? (März 2020)

Publikation
Von Dr. Roland A. Stürz, Christian Stumpf, Ulrike Mendel (bidt Think Tank) | Prof. Dietmar Harhoff, Ph.D. (Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, bidt-Direktorium)

Die Digitalisierung stellt eine wesentliche Voraussetzung für neue flexible Arbeitsmodelle und mobile Arbeitsformen wie das Homeoffice dar. Während der Coronakrise gewann gerade dieses in der öffentlichen Diskussion schlagartig an Bedeutung. Die Studie gibt Einblick in die Verbreitung und Akzeptanz von Homeoffice in Deutschland.

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Die Coronakrise hat weitreichende Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens. Um direkten Kontakt und weitere Infektionen zu vermeiden, finden soziale Kontakte, Arbeitsprozesse und Informationsvermittlung verstärkt über das Internet statt. Die Digitalisierung gewinnt daher schlagartig an Bedeutung. Schulen und Hochschulen versuchen, mit Onlinekursen den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber reagieren mit der Ausweitung von Homeoffice auf die Krise. Doch wie verbreitet ist Homeoffice überhaupt? Wie zufrieden sind Berufstätige mit ihrer Situation, wenn sie zu Hause arbeiten? Wollen sie auch nach der Krise verstärkt Homeoffice nutzen?

Inhalt

Das Wichtigste in Kürze

Das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) ist wichtigen Fragen zur Verbreitung und Akzeptanz der Arbeit im Homeoffice nachgegangen. Dazu führte das bidt im Zeitraum vom 27. bis 29. März 2020 eine repräsentative Kurzbefragung unter erwachsenen berufstätigen Internetnutzerinnen und -nutzern in Deutschland unter Nutzung von Google Surveys durch. Die Analyse der Antworten der insgesamt 1.595 Befragten[*] zeigt:

  • Die Nutzung von Homeoffice ist in der Krise gestiegen. Derzeit arbeiten 43 % der erwachsenen berufstätigen Internetnutzerinnen und -nutzer in Deutschland zumindest ab und zu im Homeoffice. Vor der Krise galt das für 35 % der Befragten.
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  • Die Intensität der Nutzung von Homeoffice ist deutlich gestiegen. Derzeit befinden sich rund 39 % der Befragten mindestens mehrmals pro Woche im Homeoffice. Vor der Krise waren nur 23 % der Befragten mindestens einmal pro Woche im Homeoffice.
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  • Die Zufriedenheit mit der aktuellen Situation im Homeoffice ist hoch. Nur rund 19 % der Homeoffice-Nutzerinnen und -Nutzer geben an, unzufrieden zu sein. Die Zufriedenheit bei Berufstätigen, die bereits vor der Coronakrise Homeoffice genutzt haben, ist in der Krise mit 83 % größer als bei Befragten, die jetzt erstmals im Homeoffice sind (75 %).
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  • Vor der Coronakrise erlaubten Arbeitgeberinnen oder Arbeitgeber teilweise kein Homeoffice. 39 % der Befragten, die während der Coronakrise erstmals im Homeoffice sind, nennen als Grund, warum sie früher kein Homeoffice genutzt haben, dass ihre Arbeitgeberin oder ihr Arbeitgeber dies nicht erlaubt habe. 26 % führen als Grund an, dass sie selbst Homeoffice nicht nutzen wollten.
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  • Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber waren generell gut vorbereitet. Mit 71 % gibt die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an, dass ihre Arbeitgeberin oder ihr Arbeitgeber gut auf die erfolgte Ausweitung oder erstmalige Einführung von Homeoffice vorbereitet gewesen sei. Bei Befragten, die bereits vor der Coronakrise Homeoffice genutzt haben, ist dieser Anteil mit 85 % sogar um 13 Prozentpunkte höher als bei Befragten, die während der Krise erstmals im Homeoffice sind.
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  • Die Akzeptanz von Homeoffice ist gestiegen. Bei rund einem Drittel der Befragten, die während der Coronakrise Homeoffice nutzen, hat sich die Beurteilung von Homeoffice verbessert. Nur 6 % geben an, dass sich ihre Einschätzung verschlechtert habe.
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  • Der Wunsch nach mehr Homeoffice ist stark ausgeprägt. Rund 68 % der befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die dies bei ihrer Tätigkeit grundsätzlich für möglich halten, wünschen sich nach der Coronakrise mehr Homeoffice als zuvor.
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Die Coronakrise hat schlagartig zu einem verstärkten Einsatz virtueller Arbeitsprozesse geführt. Die Ergebnisse zeigen, dass dies im Großen und Ganzen gut bei den Beschäftigten ankommt. Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber waren nach Meinung der Beschäftigten gut auf eine Ausweitung von Homeoffice vorbereitet. Tragen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber dem starken Wunsch nach mehr Homeoffice nach der Coronakrise Rechnung, ist davon auszugehen, dass die Coronakrise einen nachhaltigen Effekt auf die Arbeitswelt in Deutschland haben wird. Die digitale Transformation der Arbeitswelt in Deutschland dürfte sich durch die Coronakrise beschleunigen. Die vor der Krise in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern intensiv gepflegte Präsenzkultur dürfte vor einem Wandel stehen. Flexiblere Formen der Arbeit wie Homeoffice werden nach der Krise wohl mehr Bedeutung haben, als dies vor der Krise der Fall war.

Detaillierte Analyse

In der Krise wird Homeoffice häufiger und intensiver genutzt

Die Nutzung von Homeoffice während der Coronakrise hat einen mäßigen Zuwachs erfahren. Arbeiteten vor der Coronakrise rund 35 % der berufstätigen Internetnutzerinnen und -nutzer in Deutschland zumindest ab und zu im Homeoffice, sind es jetzt während der Krise rund 43 %.

Von denen, die schon vor der Coronakrise kein Homeoffice nutzten, ist mit 76 % die überwiegende Mehrheit auch weiterhin nicht im Homeoffice. 16 % von ihnen sind nun erstmals im Homeoffice. 8 % von ihnen geben an, zurzeit aufgrund der Pandemie freigestellt zu sein. Für die überwiegende Mehrheit der Befragten ist somit Homeoffice während der Coronakrise nichts Neues. Ein Großteil der Befragten konnte schon zuvor Erfahrungen mit der Arbeit von zu Hause aus sammeln.

Deutlichen Zuwachs hat jedoch die Intensität der Homeoffice-Nutzung erfahren. Gaben 23 % der Befragten an, vor der Coronakrise mindestens einmal pro Woche im Homeoffice gewesen zu sein, berichten jetzt 39 %, mindestens mehrmals pro Woche Homeoffice zu nutzen. Rund 26 % der Befragten befinden sich derzeit sogar fast ausschließlich im Homeoffice.

Homeoffice-Erfahrene sind mit der aktuellen Situation zufriedener als Neulinge

Insgesamt ist bei denen, die sich aktuell im Homeoffice befinden, die Zufriedenheit mit der derzeitigen Situation hoch. 39 % geben an, sehr zufrieden zu sein. 42 % sind eher zufrieden. Nur 15 % sind eher unzufrieden und 4 % geben an, sehr unzufrieden zu sein. Interessant ist der Unterschied zwischen Homeoffice-Erfahrenen und Homeoffice-Neulingen. So sind 41 % der Befragten, die bereits vor der Coronakrise Homeoffice genutzt haben, sehr zufrieden mit der Situation, weitere 42 % eher zufrieden. Bei Befragten, die sich nun während der Coronakrise erstmals im Homeoffice befinden, geben nur 34 % an, mit der Situation sehr zufrieden zu sein, weitere 41 % sind eher zufrieden. Rund ein Viertel der Homeoffice-Neulinge ist unzufrieden, während dies bei den Homeoffice-Erfahrenen nur 17 % sind.

Die Zahlen legen nahe, dass es einer gewissen Einarbeitungszeit bedarf, um mit den Anforderungen der Arbeit von zu Hause aus zurechtzukommen. Vielen Homeoffice-Neulingen dürfte u. a. noch die notwendige Erfahrung im Umgang mit den technischen Möglichkeiten im Homeoffice gefehlt haben. Dies gilt umso mehr, als davon auszugehen ist, dass es aufgrund der Krise keine ausreichende Vorbereitungszeit auf die erstmalige Nutzung von Homeoffice gab. Ein weiterer Grund für die geringere Zufriedenheit der Homeoffice-Neulinge mag in dem Umstand liegen, dass ein Teil von ihnen Homeoffice eigentlich nicht nutzen will. Dies zeigt die folgende Analyse der Gründe für die Nichtnutzung von Homeoffice vor der Krise.

Gründe gegen Homeoffice vor der Coronakrise

Blickt man auf die Gründe, warum Berufstätige vor der aktuellen Coronakrise noch kein Homeoffice genutzt haben, zeigt sich, warum die Steigerung mit 8 Prozentpunkten nur mäßig ausfällt. So sagen rund 80 % der Befragten, die vor und während der Krise nicht im Homeoffice sind, Homeoffice sei aufgrund ihrer Tätigkeit generell nicht möglich. Bei 9 % der Befragten ohne Homeoffice vor und in der Krise erlaubte es vor der Krise die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber nicht. Mangelnde technische Ausstattung, fehlende Bereitschaft zur Arbeit im Homeoffice oder kein bzw. ein zu langsamer Internetanschluss spielen bei diesen Befragten eine untergeordnete Rolle.

Ein anderes Bild ergibt sich bei den Homeoffice-Neulingen – also all jenen Berufstätigen, die während der Coronakrise erstmals im Homeoffice sind. Bei fast 40 % von ihnen war ein Grund, Homeoffice vor der Krise nicht zu nutzen, die mangelnde Erlaubnis der Arbeitgeberin oder des Arbeitgebers. Rund 26 % wollten es nicht und immerhin rund 23 % halten ihre Tätigkeit eigentlich für nicht homeofficefähig. Mangelnde technische Ausstattung durch die Arbeitgeberin oder den Arbeitgeber geben 11 % der Homeoffice-Neulinge als Grund für die Nichtnutzung von Homeoffice vor der Krise an. Auch bei ihnen spielt der Internetanschluss als Grund nur eine untergeordnete Rolle.

Der Vergleich von Berufstätigen gänzlich ohne Homeoffice-Nutzung und Homeoffice-Neulingen zeigt, dass vielfach dort, wo Homeoffice prinzipiell möglich erscheint, die Coronakrise zu Veränderungen geführt hat. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wurden gezwungen, ihre ablehnende Haltung gegenüber Homeoffice aufzugeben, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mussten Homeoffice nutzen, obwohl sie das bisher nicht wollten. Hervorzuheben ist, dass die Coronakrise nun anscheinend auch erstmals zur Nutzung von Homeoffice bei solchen Beschäftigten führt, die Homeoffice aufgrund ihrer Tätigkeit bisher generell nicht für möglich hielten. Es kann vermutet werden, dass bei diesen Beschäftigten die Tätigkeit im Homeoffice mit einer zeitweisen Veränderung ihrer Arbeitsaufgaben einhergeht.

Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber waren gut auf die erfolgte Ausweitung von Homeoffice vorbereitet

Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bescheinigen ihren Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, sofern eine Ausweitung von Homeoffice in der Coronakrise erfolgt ist, im Allgemeinen gut auf diese vorbereitet gewesen zu sein. 34 % sehen ihre Arbeitgeberin oder ihren Arbeitgeber als sehr gut, 37 % als eher gut, nur 20 % als eher schlecht und 10 % als sehr schlecht vorbereitet.

Unterschiede zeigen sich erneut, wenn man die Einschätzungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit und ohne Homeoffice-Erfahrung vor der Krise vergleicht. So sehen 85 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit entsprechender Erfahrung ihre Arbeitgeberin oder ihren Arbeitgeber auf die erfolgte Ausweitung von Homeoffice als gut, nur 15 % als schlecht vorbereitet. Bei den Homeoffice-Neulingen sind es 72 % gegenüber 28 %.

Beurteilung von Homeoffice hat sich verbessert

Homeoffice wird von Berufstätigen unterschiedlich wahrgenommen. So kann es Vor- und Nachteile haben, im Homeoffice zu arbeiten. Manche stellen dadurch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sicher. Andere empfinden es als Mehrbelastung, weil ihnen die Trennung von Privat- und Berufsleben schwerer fällt. Ein knappes Drittel der aktuellen Homeoffice-Nutzerinnen und -Nutzer gibt an, ihre Beurteilung von Homeoffice habe sich verbessert. Bei nur 6 % hat sie sich verschlechtert, bei einer großen Mehrheit (54 %) ist sie unverändert geblieben. Das mag daran liegen, dass Homeoffice, wie sich zeigte, für viele keine gänzlich neue Erfahrung ist. Doch selbst diejenigen, die nun erstmals während der Coronakrise im Homeoffice arbeiten, zeigen eine sehr ähnliche Veränderung ihrer Beurteilung.

Weit verbreiteter Wunsch von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nach mehr Homeoffice

Die allgemein überwiegend positive Beurteilung von Homeoffice in der Coronakrise spiegelt sich auch im Wunsch von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nach mehr Homeoffice wider. 68 % von denen, die dies bei ihrer Tätigkeit grundsätzlich für möglich halten, wünschen sich, dass die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber auch nach der Krise mehr Homeoffice anbieten. Nur etwas weniger als ein Drittel wünscht sich das nicht. Offensichtlich überwiegen für viele die Vorteile von Homeoffice.

Fazit

Die Ergebnisse der bidt-Kurzbefragung zu Homeoffice in Zeiten der Coronakrise liefern interessante Einblicke in den Wandel der Arbeitswelt, der derzeit durch das Coronavirus beschleunigt wird. So hat sich vor allem die Intensität von Homeoffice gesteigert, aber auch die Zahl derjenigen Berufstätigen, die sich ab und zu im Homeoffice befinden, ist gewachsen. Die Befragungsdaten legen jedoch auch nahe, dass für viele Homeoffice aufgrund ihrer Tätigkeit prinzipiell nicht infrage kommt.

Dort, wo Homeoffice im Prinzip möglich ist, erlauben nun offensichtlich auch Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber Homeoffice, die dies vor der Krise noch abgelehnt hatten. Auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die vor der Krise kein Homeoffice nutzen wollten, sind nun im Homeoffice – sei es freiwillig oder mangels Alternative. Die Ergebnisse zeigen zudem eine gute Vorbereitung von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern auf die Ausweitung von Homeoffice und eine hohe Zufriedenheit der Befragten mit der aktuellen Homeoffice-Situation. Diese positiven Einschätzungen spiegeln sich augenscheinlich auch im überwiegend geäußerten Wunsch nach mehr Homeoffice nach der Coronakrise wider.

Tragen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber diesem Wunsch Rechnung, ist davon auszugehen, dass die Krise einen nachhaltigen Effekt auf die vor der Krise noch weitverbreitete Präsenzkultur in der Arbeitswelt in Deutschland haben wird. So lag Deutschland vor der Krise in Sachen Homeoffice deutlich hinter anderen europäischen Staaten wie den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich oder Frankreich[1]. Es wird sich zeigen, ob die aktuellen Effekte der Coronakrise auch dauerhaft zu einer agileren, digitaleren und moderneren Arbeitsweise beitragen werden. Es ist jedenfalls gut möglich, dass flexiblere Formen der Arbeit wie Homeoffice nach der Krise mehr Bedeutung haben werden, als dies vor der Krise der Fall war. Interessant wäre daher in diesem Zusammenhang auch eine entsprechende Befragung von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern und die Erhebung der Einschätzungen und Auswirkungen von Homeoffice aus Sicht der Betriebe. Eine solche Befragung stellt daher in der aktuellen Situation ein weiteres vielversprechendes Forschungsvorhaben dar.

Ressourcen

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AnsprechpartnerInnen

Zur Studie
Dr. Roland A. Stürz
Abteilungsleiter Think Tank
Für Presseanfragen
Margret Hornsteiner
Abteilungsleiterin Dialog

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